Ein Verkehrsschild zur Geschwindigkeitsbegrenzung auf Tempo 30 mit dem Zusatz «Luftreinhaltung» steht an der Potsdamer Straße.
Foto: dpa/Paul Zinken

BerlinHerr Gysi, Berlin will Tempo 30 in der ganzen Stadt einführen und macht sich für Tempo 130 auf Autobahnen stark. Welche Rolle spielt Geschwindigkeit in Ihrem Leben?

Wenn man viele Termine schaffen soll und will, ist man mitunter zügig unterwegs. Als ich meinen Pilotenschein hatte, war das auch mit dem nötigen Tempo verbunden – sonst hebt das Flugzeug bekanntlich nicht ab. Geschwindigkeit gehört also zu meinem Leben.

Was war Ihre Höchstgeschwindigkeit hinterm Steuer, wie fühlte es sich an?

Das kann ich gar nicht sagen, weil ich meist nicht hinterm Steuer sitze, was nach hoher Belastung auch besser ist. Aber ich bin generell kein ängstlicher Typ, was wohl auch an meiner mangelnden Vorstellungskraft liegt. Ich achte kaum drauf. Selbst fahre ich allerdings nie schneller als 140 km/h, weil ich das Auto beherrschen und nicht von ihm beherrscht werden will.

Wie war es mit Tempo 100 in der DDR?

Ich erinnere mich. Ich glaube aber, dass der Staat damals mit der Blitzerei nicht so viel verdient hat, weil viele Autos ohnehin nicht sehr viel schneller fahren konnten und viele Straßen auch nicht dafür geeignet waren. Staumeldungen gab es im Radio nicht, sie waren auch nur selten erforderlich.

Der ADAC hat Anfang der 70er-Jahre mit dem Slogan „Freie Fahrt für freie Bürger“ die Hoheit über die Stammtische erobert und die damalige Bundesregierung zur Rücknahme von Tempo 100 auf den Autobahnen gezwungen. Jetzt hat der Verein seinen Widerstand gegen Tempo 130 aufgegeben. Ein Versuch, das Auto als solches zu retten? Ein Triumph Gretas?

Wenn Freiheit wirklich im Geschwindigkeitsrausch läge, wären alle anderen europäischen Staaten mit ihren Tempolimits vollständig unfrei. Vielleicht ist auch beim ADAC angekommen, dass der Rest Europas mit einem Tempolimit gut fährt. Und wer ein bisschen weiter denkt, kann schon jetzt erkennen, dass die Entwicklung des individuellen Verkehrs hin zu E- oder besser Wasserstoff-Mobilität und automatisiertem Fahren ohne eine Geschwindigkeitsbegrenzung nicht funktionieren wird.

Viele ADAC-Mitglieder sind empört. Verstehen Sie Autofahrer, die weiter ihre PS auskitzeln wollen?

Durchaus, Geschwindigkeit beherrschen zu können, hat seinen Reiz. Aber die Unfallstatistiken zeigen eben auch, dass mit wachsender Geschwindigkeit die Häufigkeit und Schwere von Unfällen zunimmt, für Unschuldige, aber auch für jene, die übermäßig schnell fahren.

Wir leben in rasanten Zeiten. Sollten wir es nicht grundsätzlich etwas langsamer angehen lassen?

Ein frommer Wunsch in einer Zeit, da in Millisekunden Milliarden Euro virtuell um den Globus gejagt werden. Andererseits wird immer deutlicher, dass das kapitalistische Wachstumsprinzip, das auch Geschwindigkeit als Wesenskern enthält, dabei ist, die menschliche Existenz zu gefährden. Langsamkeit hilft auch, den Ressourcenverbrauch zu reduzieren. Aber es ist nicht leicht, mit Gewohnheiten zu brechen. Der Norden ist generell langsamer, was ich im Urlaub dort genieße.

Wenn die sprichwörtliche gute Fee Ihnen drei andere Limit-Wünsche gewährte, welche wären das?

Ein Limit für Waffenexporte, damit an Kriegen nicht mehr so viel verdient wird; ein Limit für Finanztransaktionen, damit die Realwirtschaft aus der Abhängigkeit vom Börsenwert befreit wird; ein Null-Limit für Rassismus und Antisemitismus, damit wir der wichtigsten Forderung unseres Grundgesetzes, wonach die Würde des Menschen unantastbar sein soll, deutlich näher rücken.