Berlin - Bei Saniye Deniz fing es schon in der Schulzeit an. Als 16-Jährige traf sie sich mit ihren Freundinnen zu Hause. Man quatschte, kicherte, lästerte – und Saniye Deniz enthaarte den Mädchen die Beine. Anfang der 90er war es in der Türkei, wo ihre Eltern herkommen, längst Usus, dass es in jedem Friseursalon auch eine Enthaarungskabine gab. Aber in Berlin – Fehlanzeige. Das brachte Deniz auf die Idee, den türkischen Frauen in Berlin professionelle Enthaarung anzubieten. Sie sollten das nicht mehr zu Hause machen oder bis zum nächsten Türkeiurlaub warten müssen, sondern zu ihr in ein Studio kommen.

Kompletter Kahlschlag

Also ließ sie sich zur Kosmetikerin ausbilden und eröffnete 1997 zusammen mit ihrer Schwägerin in Neukölln ein Enthaarungsstudio. Damals war das in Berlin eine absolute Marktlücke. Die heute 37-Jährige war eine der ersten Berlinerinnen im Enthaarungsgeschäft. Heute hat sie in Steglitz ihr eigenes Studio, und auch ihre jüngere Schwester hat sich inzwischen in der gleichen Branche selbstständig gemacht.

Längst ist die Haarentfernung zum wichtigen Teil der Kosmetikbranche geworden. Ketten wie „Wax in The City“ und Salons wie „Rio Waxing“ sind mittlerweile so selbstverständlich wie Nagel- oder Fitnessstudios. Körperenthaarung ist unter jungen Menschen ein Massenphänomen geworden, spätestens seit im Jahr 2000 eine Folge von „Sex and the City“ lief, in der Carrie Bradshaw ungewollt ein kompletter Kahlschlag beim Bikini-Waxing verpasst wurde. In Berlin sind besonders die vielen brasilianischen Wachsstudios auffällig.

Saniye Deniz arbeitet nicht mit Wachs. Auch eine Pinzette wird man bei ihr nicht finden. Mit einem gewöhnlichen Bindfaden bringt sie Augenbrauen in Form. Die Fadentechnik hat sie sich mit 14 selbst beigebracht. Mit beeindruckender Geschicklichkeit und Schnelligkeit zupft sie die Härchen, den Faden um ihre Finger zu einer Schlinge gewickelt. Beim Rest des Körpers setzt die Berlinerin auf eine traditionelle Form der Enthaarung – mit Zuckerwasser. Sugaring nennt sich diese Methode auch, im Orient wird sie seit Jahrhunderten angewendet.

Jeden Abend kocht Saniye Deniz zwei Kilogramm Zucker mit Wasser und einigen geheimen Zugaben auf, bis alles zu einer klebrigen, dunklen Paste geworden ist. Die zähe Masse wird tags darauf im Studio erneut erhitzt und auf den Körper aufgetragen. Mit Baumwollstreifen und einem schnellen Ruck zieht die Kosmetikerin anschließend die Haare mitsamt der Wurzel heraus.

Eine sehr intime und private Angelegenheit

In ihrem Studio „Zuckerwerk“ in der Steglitzer Düppelstraße ist alles hell und freundlich eingerichtet, von der Wand lächelt Marilyn Monroe. Zwei Liegen stehen in dem großen Raum, Kabinen gibt es nicht: „Die Frauen sollen sich hier wohl fühlen, auch wenn es ein bisschen weh tut.“ Deniz blättert durch ihren Kalender, der auf Wochen im Voraus gut gefüllt ist. Heute machen die Deutschen die Hälfte ihrer Kundschaft aus, der Rest ist bunt gemischt: Türkinnen, Amerikanerinnen, Russinnen, Chinesinnen, Französinnen, Inderinnen.

Saniye Deniz erzählt von den Anfängen. Damals in Neukölln, wo zunächst nur türkische und arabische Kundinnen kamen. Die ersten deutschen Frauen zu überzeugen, war schwieriger. Sie hätten ein größeres Schamgefühl gehabt als die Türkinnen, die das Nacktsein schon von ihrer Hamam-Kultur her gewohnt waren. „Das Enthaaren ist eine sehr intime und private Angelegenheit. Und die Frauen kannten das ja nicht.“ Heute, sagt Saniye Deniz, sei der Gang ins Studio so selbstverständlich wie der Gang zum Friseur.

Die Konkurrenz, die ihr die vielen anderen Studios mittlerweile machen, nimmt sie gelassen: „Die belebt das Geschäft.“ Saniye Deniz hat schon seit Langem viele Stammkundinnen. Manchmal bringen die Frauen ihre 14-jährigen Töchter mit. „In der Türkei und in vielen anderen muslimisch geprägten Ländern ist die Körperenthaarung sehr wichtig“, sagt die Chefin. Es sei eine Frage der Hygiene – und eine Frage des Glaubens. „Wenn die Türken in den Achtzigern am Strand die unrasierten deutschen Frauen gesehen haben, tuschelten sie, warum die so dreckig sind.“ Haare an Frauenbeinen, das galt als ungepflegt.

Mittlerweile gehört die Enthaarung auch für viele Deutsche zur Hygiene (siehe Kasten), auch für immer mehr Männer. Die dürfen übrigens auch ins Steglitzer Studio kommen, „aber die muss ich schon kennen. Und denen enthaare ich auch nur die Brust und den Rücken“, sagt Saniye Deniz. Viele kämen aber eh nicht, fügt sie hinzu: „Männer sind halt wehleidiger.“ Beim ersten Mal, erzählt sie, tut die Prozedur am meisten weh. Da dürfe man auch mal aufschreien. Aber: „Die Angst ist meist größer als der Schmerz.“