Ein bisschen Dreck an den Händen schadet nicht, wenn er er nicht andauernd im Magen landet.
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Wenn ich mitten in Corona-Zeiten so auf mein Risikoverhalten zurückschaue, dann entdecke ich, dass ich als Kind selten Infektionsprophylaxe betrieben habe, schon gar nicht mit Maske und Händewaschen. Hier eine Geschichte dazu:

Beim Spielen auf dem Hof trug ich oft ein bisschen Geld in der Tasche, denn ich durfte mir in dem kleinen Laden an der Ecke etwas kaufen. Nachdem wir Nachbarskinder eine Weile im Buddelkasten gespielt und uns mit Sand beworfen hatten, flitzte ich los. Manchmal holte ich mir Brausepulver. Das schüttete man sich in den Mund, worauf das süßsaure Pulver anfing zu prickeln und zu schäumen.

Doch auf diese Weise war es mir zu schnell verschwunden. Also ließ ich immer nur ein bisschen in die dreckige hohle Hand rieseln und leckte es auf. Dann steckte ich die Tüte weg, für später. Ich war ein Genießer, und der Nachmittag war lang. Es gab auch Pfeffis und Lakritzstangen in dem kleinen Laden.

Besonders oft holte ich mir allerdings Salmiakpastillen, Salmis genannt. Ich riss die Tüte auf, schüttete mir die Dinger in die Hosentasche und aß immer nur ein oder zwei Pastillchen. Ab und zu kam eines der anderen Kinder, die sich gerade nichts gekauft hatten, und fragte: „Haste mal ’ne Salmi?“ Ich war der Salmi-Dealer des Hofs und verteilte die Salmiakpastillen direkt aus der sandigen Hosentasche unters Volk.

Keiner der Eltern riss damals das Fenster auf und forderte Franki, Jensi, Ela oder Andi auf, hochzukommen und sich die Händchen zu waschen. Niemanden interessierte es, dass wir auch Hirtentäschel-Herzchen zerbissen, die auf dem Hof wuchsen. Und dass wir an unseren schwarzen Fingernägeln knabberten. Oder dass wir Gras kauten, bis es im Mund einen grünen Klumpen bildete. Allergien bekam man davon nicht. Aber dafür was anderes …

Eines Abends konnte ich lange nicht einschlafen. Es kitzelte und juckte unablässig, und zwar an der delikatesten Stelle. Zum Verrücktwerden. „Es killert so!“, jammerte ich. Am nächsten Tag sahen wir die Bescherung: Ich fütterte tatsächlich ein paar vergnügte kleine Untermieter mit durch. Kurz: Ich hatte Würmer. Sie trugen den edlen Namen Enterobius vermicularis und verursachten die sogenannte Enterobiasis. Das wussten sie aber nicht, weil sie ziemlich doof waren. Und wir kannten die Namen auch nicht, weil es damals kein Internet gab.

Der Kinderarzt machte dann auch nicht viele Worte. „Ach, unsere kleinen Freunde“, sagte er. Ich war sofort beruhigt, weil er so vertraut von ihnen sprach. „Denen verderben wir jetzt den Appetit!“, beschloss er und verschrieb mir eine Röhre Tabletten. Sie waren mächtig groß und schmeckten sauer. Außerdem sollte ich mir ständig die Hände waschen und mit der Bürste schrubben. Die unangenehmen Gäste verschwanden.

In der Folgezeit tobte ich allerdings weiter auf dem Hof herum, fraß Salmis aus der Tasche, leckte Brausepulver aus der Hand und kaute Gras – als sei nichts geschehen.

Erst jüngst habe ich gelesen, dass heutzutage Medizin-Firmen Wurmeier herstellen, um sie gezielt gegen Darmentzündungen, Allergien und Asthma einzusetzen. Denn in Zeiten, in denen Kinder häufiger unter kleinen Parasiten litten, traten diese Krankheiten seltener auf. Vielleicht hatte der Doktor ja recht mit seinem Spruch von den kleinen Freunden.

Wir haben trotzdem mal wieder gelernt, dass es auch in Zeiten ohne Corona angebracht ist, sich ab und zu mal die Hände zu waschen.