Berlin - Es herrscht wieder eine Spur von Aufbruchstimmung im Quartier 206 in der Friedrichstraße. Durch die gelockerten Corona-Maßnahmen ist das Shopping für Kunden in dem Luxuskaufhaus einfacher geworden. Sogar eine Fashionshow fand hier zuletzt wieder statt, wie der Instagram-Kanal des Quartier 206 stolz präsentiert. Schaut man sich diesen an, könnte man sich fast ins Jahr 1997 zurückversetzt fühlen, als Berlin das Konzeptkaufhaus einige Jahre nach der Wende als Zeichen des Aufbruchs für Investoren und Architektur eröffnete - aber nur fast. 

Nach der anfänglichen Euphorie musste sich das Gebäude in den Folgejahren bald einem Überlebenskampf stellen, der bis zum heutigen Tage anhält. Während das Geschäftstreiben in den Luxusboutiquen langsam wieder losgeht, sollte das Quartier 206 am Dienstag zwangsversteigert werden. Gebote gab es, doch die Wertung der Rechtspflegerin sowie ein Widerspruch und ein Befangenheitsantrag standen einem Verkauf entgegen.

35 Läden, 30 Büros, 260 Tiefgaragenplätze

Der Verkehrswert der darin betriebenen insgesamt 35 Läden mit rund 8000 Quadratmetern Fläche sowie 30 Büros, elf Wohnungen und 260 Autostellplätzen war zuvor auf 39 Millionen Euro taxiert worden. Wer den Zuschlag erhält, erwirbt allerdings nicht nur das Luxuskaufhaus in ehemals bester Lage am Gendarmenmarkt, hinzu kommen noch 180 Millionen Euro Schulden, die im Grundbuch eingetragen sind. Wie konnte es dazu kommen?

Der Immobilienunternehmer Anno August Jagdfeld hatte das Quartier 206 einst gebaut. Seit dem Jahr 2011 stand das Gebäude unter Zwangsverwaltung. Die Gläubiger, ein Bankenkonsortium um die Credit Suisse International, versuchte mehrfach, das Kaufhaus loszuwerden. Im vergangenen Sommer sollte es schon einmal versteigert werden. Dabei erhielt ein Unternehmen den Zuschlag, das zu Jagdfelds Imperium zählt. Den Gläubigern kamen Zweifel, dass Jagdfelds Firma eine Bonität gewährleisten könne. Deshalb stoppten sie das Verfahren.

Doch der interne Streit um das Gebäude scheint nicht der einzige Grund für den Fall der Luxusimmobilie zu sein. Auch gesellschaftliche Umstände sollen zu der jetzigen Lage geführt haben, sagt Guido Herrmann, Vorsitzender des Vereins „Die Mitte“, der sich mit der Neupositionierung der Friedrichstraße beschäftigt. „Man konnte beim Bau nicht davon ausgehen, dass es später einmal so viele verschiedene Malls geben würde“, sagt er.

Andere Malls, die U-Bahn, Corona - es gibt viele Gründe

Zudem habe der Bau der U-Bahnlinie 5 die Friedrichstraße zehn Jahre lang von einem attraktiven Handelsplatz und Treffpunkt der Menschen zu einem abgeschnittenen Areal degradiert. Dann kamen zudem die Corona-Krise, die Ladenschließungen - und die für viele Kunden bequemeren Möglichkeiten durch den Onlinehandel. Auch aus der Friedrichstraße eine autofreie Straße machen zu wollen, sieht Herrmann unter Handelsgesichtspunkten mit gemischten Gefühlen.

Von einem künftigen Eigentümer des Quartier 206 hat Herrmann klare Vorstellungen. „Derjenige, der es erwirbt, entscheidet sich ganz bewusst für den Standort und weiß, was er bekommt. Auf ein gutes Gesamtpaket wird es ankommen.“ Das bedeute nicht zwangsläufig Luxus. Authentizität sei wichtiger. Diese könnten hier vor allem heimische Manufakturen einbringen. „Davon haben wir in Berlin genug“, sagt Herrmann.

Nach Informationen der Berliner Zeitung war Anno August Jagdfeld mit seinen Anwälten bei der Versteigerung dabei und soll mitgeboten haben: 225 Millionen Euro. Die Rechtspflegerin wertete dies allerdings als sittenwidrig und sah die Bonität nicht ausreichend gegeben. 

Als „grob rechtswidrig“ bezeichnet Christian Plöger die Ablehnung des Höchstgebots in einem anschließenden Statement. Für den Sprecher der Familie Jagdfeld  habe die zuständige Rechtspflegerin „massiv in die Prozessgrundrechte des zu diesem Zeitpunkt Höchstbietenden eingegriffen“. Begründet habe sie die Ablehnung lediglich damit, dass der Geschäftsführer der heutigen Bieterin auch Kommanditist der Höchstbieterin der Versteigerung 2020 war.

„Das schon 2020 höchst bietende Unternehmen hätte das Meistgebot liebend gern gezahlt, wenn die Zuschlagserteilung durch die Gläubigerbank nicht vereitelt worden wären“, sagte Plöger. Man habe einen Befangenheitsantrag gegen die Rechtspflegerin gestellt, weitere Rechtsmittel sollen folgen.

So konnte die Immobilie auch nicht an den Bieter mit dem nächsthöheren Gebot gehen, eine luxemburgische Fondsgesellschaft, die 220 Millionen Euro aufgerufen hatte. Die Entscheidung über den Zuschlag soll nun am 22. Juni 2021 vor dem Amtsgericht Mitte verkündet werden.