Das Ernst-von-Bergmann-Klinikum in Potsdam.
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PotsdamAuch nach der massiven Kritik am renommierten Ernst-von-Bergmann-Klinikum und staatsanwaltlichen Untersuchungen gegen die Klinikleitung bleibt das Krankenhaus weiterhin der Schwerpunkt der Corona-Todesfälle in Brandenburg. Und die Krankheit breitet sich zudem in der Potsdamer Landeshauptstadt weiter in Gesundheitseinrichtungen aus. Im Bergmann-Klinikum werden derzeit 120 Coronafälle stationär behandelt, und allein am Mittwoch sind drei weitere Patienten gestorben. „Die Zahl der in Potsdam verstorbenen Menschen, die mit dem Coronavirus infiziert waren, ist damit auf 30 gestiegen. 17 von ihnen Potsdam hatten als Wohnort“, sagte ein Stadtsprecher. 

Das sind weit mehr als die Hälfte aller Corona-Todesfälle in ganz Brandenburg. Das Gesundheitsamt teilte mit, dass nun noch weitere Gesundheitseinrichtungen betroffen sind. Im Zuge der Ausbreitung des neuartigen Virus ist es auch in einer Einrichtung der Seniorenpflege zu einer Häufung von positiven Befunden gekommen, sagte der Stadtsprecher. Das Gesundheitsamt habe in der Seniorenpflegeeinrichtung auf Hermannswerder neue Fälle festgestellt. „In der Einrichtung, in der 80 Menschen leben, sind 38 Bewohnerinnen und Bewohner sowie fünf Mitarbeiter positiv getestet worden“, sagte der Sprecher. Sie würden innerhalb der Einrichtung isoliert und medizinisch beobachtet.

Verfahren gegen Klinikleitung

Das Gesundheitsamt hat zudem Abstriche bei allen 116 Bewohnern einer Gemeinschaftsunterkunft in der Zeppelinstraße vorgenommen, nachdem eine siebenköpfige Familie dort am Dienstag positiv getestet wurde. Diese sollen in Quarantäne bleiben, und alle Bewohner mit negativen Ergebnissen sollen vorübergehend in Hotels und Pensionen untergebracht werden.

Oberbürgermeister Mike Schubert (SPD) geht mit Härte gegen mögliche Missstände in der wichtigsten Vorzeigeklinik der Stadt Potsdam und des Landes Brandenburg vor: Wegen der ungewöhnlichen Häufung von Todesfällen im Ernst von Bergmann-Klinikum in Zusammenhang mit Covid-19 hat Schubert gleich mehrere Ordnungswidrigkeitsverfahren eingeleitet. „Nach den uns vorliegenden Daten gab es eine Verletzung ärztlicher Meldepflichten seitens des Klinikums an das Gesundheitsamt“, sagte Schubert am Mittwoch zur Begründung

Die ersten Verfahren wurden bereits am Montag gegen drei leitende Mitarbeiter begonnen. Am Dienstagabend wurden dann auch Ordnungswidrigkeitsverfahren gegen zwei Geschäftsführer der Klinik eingeleitet. Der Vorwurf lautet, dass Covid-19-Fälle möglicherweise zu spät oder gar nicht dem Potsdamer Gesundheitsamt gemeldet wurden. Die Vorwürfe richten sich gegen den langjährigen Geschäftsführer Steffen Grebner und gegen Medizindirektorin Dorothea Fischer, die erst seit knapp einem halben Jahr in diesem Amt ist.

Staatsanwaltschaft ermittelt

Die betroffenen Mitarbeiter sollen nun als Erstes die Möglichkeit bekommen, zu den Vorwürfen Stellung zu nehmen. Inzwischen wurde die Angelegenheit auch an die Staatsanwaltschaft Potsdam übergeben. Ein Sprecher bestätigte am Mittwoch, dass nun geprüft wird, ob ein strafrechtlich relevantes Verhalten vorliegt. 

Bei Verstößen gegen Meldepflichten drohen laut Gesetz Geldbußen bis zu 25.000 Euro. Handelt es sich um eine Straftat, droht eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren.

Der Oberbürgermeister hat die Möglichkeiten zum Eingreifen, weil es sich um eine kommunales Krankenhaus handelt. Es ist die landesweit größte Klinik und das größte „Schwerpunktkrankenhaus“ in Brandenburg. Es ist, wie die Berliner Charité, ein akademisches Lehrkrankenhaus, in dem jedes Jahr mehr als 39.000 Patienten stationär behandelt werden. Die verschiedenen Häuser dieser Klinik haben insgesamt 2.380 Mitarbeiter. 

Ministerin: „Größte Sorge, die wir im Land haben“

Der Ausbruch im Bergmann-Klinikum sei „die größte Sorge, die wir hier im Land Brandenburg haben“, sagte Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) am Mittwoch im Gesundheitsausschuss des Landtags. Ansonsten sei Brandenburg mit Infektionen und Todesfällen unterdurchschnittlich belastet, die Fälle in Potsdam trieben dies etwas in die Höhe.

Im Bergmann-Klinikum gab es eine ungewöhnliche Häufung von Todesfällen. Ob diese auch mit einem möglichen Fehlverhalten von Ärzten im Zusammenhang stehen, muss nun geklärt werden. Möglichweise wurden Fälle zu spät erkannt und so erst eine weitere Verbreitung im Krankenhaus möglich.

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Das Infektionsschutzgesetz schreibt vor, dass Erkrankungen an Covid-19 von Ärzten und Krankenhäusern „unverzüglich an das zuständige Gesundheitsamt gemeldet“ werde müssen. Die Meldung muss spätestens innerhalb von 24 Stunden beim Amt vorliegen, nachdem die Klinik von der Krankheit erfahren hat. Das Potsdamer Gesundheitsamt geht nach derzeitigen Erkenntnissen davon aus, dass dies im Potsdamer Klinikum offenbar nicht immer erfolgt sei.

Wie das Brandenburger Gesundheitsministerium am Mittwochmorgen meldete, gibt es landesweit 1.599 nachgewiesene Covid-19 Fälle, davon 235 in stationärer Behandlung, 28 unter Beatmung. Landesweit wurden 35 Todesfälle gezählt.

Allein auf das Potsdamer Klinikum entfallen 21 Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19. Insgesamt werden dort mit Stand Dienstagabend 88 Patienten mit dieser Krankheit behandelt, 14 davon in der extra eingerichteten Intensivstation, 11 werden beatmet. Im Klinikum starben allein am Dienstag weitere fünf Patienten, die nach Angaben der Klinik schwere Vorerkrankungen hatten.

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Das Potsdamer Gesundheitsamt hat verfügt, dass die Klinik nun unverzüglich alle Patienten ans Amt melden muss. „Das Klinikum muss die vollständige Testung aller Patienten und Mitarbeiter in allen Kliniken vornehmen“, sagte Brigitte Meier, die Chefin des Städtischen Krisenstabes. Auch alle früheren Patienten, die zwischen dem 13. und 27. März in Alten- und Pflegeheime verlegt wurden, sollen getestet werden.

Die Stadt hatte bereits Anfang vergangener Woche das Robert-Koch-Institut wegen möglicher Mängel in diesem Krankenhaus um Amtshilfe gebeten. Die Auflagen sind nun, dass die Klinik die eigenen Testkapazitäten deutlich ausbaut und eine strikte Trennung vornimmt zwischen den Klinikbereichen, in denen Corona-Fälle behandelt werden und den übrigen.

Aufnahmestopp wegen Corona-Ausbruch

Außerdem soll eine Fachkraft für „Ausbruchsmanagment“ die Klinikleitung unterstützen. Denn es könnte sein, dass am Beginn des Ausbruchs in der Klinik Fehler gemacht wurden. Denn Covid-19 wurde außerhalb der Corona-Intensivstation, also im übrigen Teil der Klinik, zuerst ausgerechnet in der Geriatrie-Station festgestellt. Dort liegen ältere Patienten, die meist schwere Vorerkrankungen haben und die damit zu der am meisten von Sterbefällen betroffenen Risikogruppe gehören. Am 31. März bestätigt die Klinik, dass ausgerechnet in der Geriatrie 33 Patienten infiziert sind.

Das Problem ist, dass die Klinik eigentlich große Erfahrung mit Isolationsstationen hat und dass deshalb dort viele Coronapatienten aus ganz Brandenburg hingebracht wurden. Doch nach der Häufung der Todesfälle wurde in der vergangenen Woche im Bergmann-Klinikum einen Aufnahmestopp verhängt. Nur Notfälle dürfen dort noch hinein - wie etwa Menschen mit einem akuten Herzinfarkt.

Mediziner appellieren an Landesregierung

Ärzte, Kranken- und OP-Schwestern sowie weitere Beschäftigte aus mehr als 20 Krankenhäusern in Brandenburg fordern die Unterstützung der Landesregierung beim Beschaffen von mehr Schutzausrüstung. „Das Land Brandenburg muss einen Weg finden, Masken, Schutzkittel, Schutzbrillen, Handschuhe und Desinfektionsmittel zu produzieren - sofort!“, heißt es in einem offenen Brief, der an Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) und Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Grüne) ging.

Außerdem forderten die Beschäftigten mehr Personal für alle an der Krankenversorgung beteiligten Bereiche „durch schnelle und unbürokratische Einstellungen“. Das Schreiben wurde von über 30 Beschäftigten unterzeichnet, darunter Ärzte, Schwestern und Pfleger.