Männer gehen fast nie durch dieses Tor. Bis auf die Müllmänner. Die Adresse dieser schönen, hellen Villa mitten in Berlin ist streng geheim – mit gutem Grund: Hierhin kommen Frauen, wenn sie von zu Hause fliehen müssen vor ihren gewalttätigen Männern. Wenn sie von ihnen geprügelt und geohrfeigt oder derart bedroht wurden, dass die Angst groß ist – zu groß, um weiter mit dem Partner in den eigenen vier Wänden zusammenzuleben. Allein in Berlin wurden im vorigen Jahr 14.490 Fälle häuslicher Gewalt registriert, bundesweit waren es mehr als 127000 – Tendenz steigend.

82 Prozent der Opfer waren Frauen, das sind in ganz Deutschland mehr als 104.290 weibliche Opfer pro Jahr. Das belegt die neue Auswertung der polizeilichen Kriminalstatistik für 2015, die Bundesfrauenministerin Manuela Schwesig (SPD) mit Holger Münch, Präsident des Bundeskriminalamtes (BKA), am Dienstag in Berlin vorgestellt hat. „Die Zahlen sind schockierend“, sagte Schwesig. Sie appellierte an die Opfer von Gewalt, ihr Schweigen zu brechen.

Unter allen Anzeigen von Bedrohung bis Mord bezieht sich fast ein Fünftel auf häusliche Gewalt. Seit 2012 registriert die Polizei einen Anstieg der Gewalttaten in Partnerschaften von 5,5 Prozent. Laut BKA werden auch immer mehr Männer Ziel ihrer Partnerinnen oder Ehemaligen. Grundsätzlich kann die Zunahme aber auch mit einer steigenden Zahl der angezeigten Delikte zusammenhängen. BKA-Chef Münch schätzt aber, dass die Dunkelziffer weitaus höher ist. Die häufigste Straftat im häuslichen Umfeld ist mit 63,9 Prozent vorsätzliche einfache Körperverletzung. Allerdings, so seine Einschätzung, wird eine Ohrfeige oft nicht angezeigt. Denn die Hemmschwelle die Polizei zu rufen sei sehr hoch, sagte Münch.

Diejenigen, die es irgendwann schaffen zu fliehen, stehen dann in Berlin vielleicht vor dem Tor mit dem Klingelschild ohne Namen. Dem Frauenhaus der Caritas, es ist eines von sechs solchen Einrichtungen in Berlin. 1 176 Frauen haben hier im vorigen Jahr Schutz gefunden– und mit ihnen 1 116 Kinder.

„Manchmal ist es so, dass ein freies Zimmer binnen weniger Stunden wieder belegt ist“, sagt Gabriele Kriegs. Sie leitet das Frauenhaus der Caritas. Die Zahlen in Berlin sind laut Polizei zwar leicht rückläufig, aber immer noch auf einem hohen Niveau. Zudem nehme die durchschnittliche Dauer der Aufenthalte zu, so Kriegs. „Früher waren Bewohnerinnen im Schnitt etwa drei Monate im Haus, mittlerweile dauert es ein halbes Jahr.“ Das habe auch mit dem Wohnungsmangel in Berlin zu tun. „Pro Jahr nehmen wir rund 220 Bewohnerinnen mit Kindern auf.“ Viele davon haben einen Migrationshintergrund; seit vorigem Jahr suchen auch geflüchtete Frauen das Haus auf. Dies habe auch damit zu tun, dass Frauen ohne Migrationshintergrund schneller bei einer Freundin unterkämen.

„Aus der Statistik lassen sich keine konkreten Tatmotive für häusliche Gewalt ableiten“, sagt BKA-Chef Münch über die bundesweiten Zahlen. Meistens dürfte es aber um Konflikte in der Partnerschaft oder Trennung gehen. Deswegen mache die Gruppe der Ex-Partner die größte Tätergruppe aus.

Anfang meist harmlos

So schätzt es auch die Leiterin des bundesweiten Hilfstelefons „Gewalt gegen Frauen“, Petra Söchting, ein. Gewalt folge in der Regel einer bestimmten Dynamik: Meist fängt es harmlos an, zum Beispiel mit Kontrolle. Oft würden die Frauen dann in die soziale Isolation gedrängt werden, müssten Kontakte abbrechen und kämen so auch schwerer aus ihrer Situation wieder heraus. Gewalt kennt kein Milieu, so der Tenor: Menschen unterschiedlicher Herkunft, unabhängig von Bildung und Einkommen werden zu Opfern und Tätern. Die Anrufe am Hilfetelefon ließen aber darauf schließen, dass diese Art des Verbrechens zunimmt, so Söchting. Die Zahl der Beratungen unter der kostenlosen 24-Stunden-Hotline (08000 116 016) sei im Vergleich zum Vorjahr um 25 Prozent gestiegen. Das Angebot sei oft der erste Schritt, um sich gegen die Gewalt zu wehren.

Frauenhäuser wie das der Caritas in Berlin sehen sich als letzter Zufluchtsort. Für die Frauen ermögliche ihr Haus, sich aus akuten Gewaltverhältnissen zu lösen, die eigene Situation zu überdenken und neue Perspektiven zu finden, sagt Leiterin Kriegs. Die Bewohnerinnen werden allesamt in Dienste eingeteilt, zum Putzdienst oder aber an der Pforte, „so übernehmen sie auch Verantwortung für das Haus“. Kriegs sagt aber auch, dass trotz der schwierigen Situation durchaus gelacht wird und sich auch Freundschaften ergeben. Die Frauen würden sich neben den Beratungen frei bewegen und um ihr neues Leben kümmern. Kriegs betont, dass es sich bei den Bewohnerinnen um starke Frauen handelt, die mit Hilfe der Beratung, Schritt für Schritt ihre Situation in den Griff kriegen, sich eine eigene Wohnung finden und für das Kind eine neue Kita suchen.