„Wir haben seit Beginn der Kontaktbeschränkungen fast nur noch schwere Fälle“, stellt Saskia Etzold von der Berliner Gewaltschutzambulanz fest.
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BerlinIn der Coronavirus-Krise nimmt die häusliche Gewalt offenbar zu. Die Polizei registrierte seit Mitte März wöchentlich mehr als 300 Notrufe wegen Gewalt in Familien. Ende Mai will sich der Gesundheitsausschuss mit dem Thema befassen. Saskia Etzold, die Vizechefin der Berliner Gewaltschutzambulanz, sagt im Interview mit der Berliner Zeitung, das gesamte Ausmaß häuslicher Gewalt werde sich erst nach dem Ende der Kontaktbeschränkungen zeigen.

Frau Etzold, wie ist die Situation bei Ihnen in der Gewaltschutzambulanz?

Wir haben viel zu tun, auch wenn die Kontaktbeschränkungen noch nicht aufgehoben sind. Zu uns kommen derzeit die schweren Fälle, bei denen es auch Anzeigen gibt. Es sind Fälle, zu denen die Polizei gerufen wurde.

Wer sind die Opfer?

Es sind überwiegend Frauen.

Welche Verletzungen haben diese Patienten?

Zu uns kommen derzeit Frauen mit Folgen der stumpfen Gewalt wie etwa Würgemalen oder Mittelgesichtsbrüchen. Es sind Verletzungen, bei denen wir immer eine potentielle Lebensgefahr bejahen und die häufig auch medizinisch versorgt werden müssen.

Sind schwere Fälle eine Besonderheit in Corona-Zeiten?

Wir haben seit Beginn der Kontaktbeschränkungen Mitte März eigentlich fast nur noch schwere Fälle. Doch nach Ostern gab es noch einmal einen sprunghaften Anstieg.

Woran lag das?

Man könnte ganz böse sagen: Weil die Leute zusätzlich zu den sonstigen Einschränkungen noch einmal vier Tage länger aufeinander gehockt haben. Auch zu Nichtcorona-Zeiten hatten wir nach Feiertagen immer mehr zu tun als zu normalen Zeiten.

Und was ist mit den sogenannten leichteren Fällen?

Jeder Fall, bei dem der Partner seine Partnerin schlägt, oder die Partnerin ihren Partner, ist furchtbar. Doch die weniger schweren Fälle, die Menschen, die geschlagen wurden und nun Hautunterblutungen aufweisen, sich jedoch noch nicht an die Polizei wenden wollen, kommen derzeit eher nicht zu uns in die Ambulanz. Normalerweise machen diese Patienten knapp die Hälfte unserer Arbeit aus.

Warum kommen diese Betroffenen denn nicht zu Ihnen in die Ambulanz?

Diese Frauen sind zum Beispiel zu uns gekommen, wenn der Partner, der sie geschlagen hat, zur Arbeit gegangen ist. Sie werden wieder hier sein, wenn wir wieder einen halbwegs normalen Alltag haben.

Warum erst dann? Ihre Türen stehen den Leidtragenden doch auch jetzt schon offen.

Nun ja, wie sollen diese Betroffenen aber im Moment zu uns kommen? Wie erklären Sie ihrem Partner, der zuhause sitzt, weil er vielleicht in Kurzarbeit ist oder entlassen wurde, wo Sie gerade hingehen? Die Erklärung, dass Sie die Kinder in die Kita oder Schule bringen, funktioniert ja derzeit auch nicht.

Ist das nur in Corona-Zeiten so?

So extrem schon. Aber dieses Phänomen hatten wir auch zu normalen Zeiten. Immer wieder gab es Fälle, bei denen die Betroffene ihren Termin nicht wahrgenommen und am nächsten Tag angerufen hat mit der Aussage: Ich konnte nicht kommen, weil mein Mann nach Hause gekommen oder gar nicht zur Arbeit gegangen ist.

Aus welchen Verhältnissen kommen die Frauen, denen zuhause Gewalt angetan wurde?

Sie kommen aus der gesamten Bandbreite der Bevölkerung. Geprügelt wird überall: In der Villa ebenso wie im Plattenbau. Zu den Betroffenen, die zu uns kommen, gehören ebenso Frauen von Professoren wie von Hartz-IV-Empfängern. Häusliche Gewalt ist nicht an ein Jahreseinkommen gebunden.

Sondern?

Häusliche Gewalt ist leider ein globales Phänomen und gilt als weltweit eines der größten gesundheitlichen Probleme für Frauen. Sie ist nach wie vor die häufigste Ursache für Verletzungen bei Frauen.

Nimmt häusliche Gewalt zu, weil sich die Leute wegen der Coronabeschränkungen in den eigenen vier Wänden mehr auf die Nerven gehen?

Das ist mir zu einfach gefasst. Klar ist, je mehr Zeit man miteinander verbringt, desto mehr passiert. Deswegen haben wir nach Feiertagen auch immer höhere Zahlen häuslicher Gewalt. Aber ich denke, Corona hat noch viel mehr Einflüsse.

Welche denn?

Es geht gerade eine fürchterliche Angst vor der Zukunft durchs Land. Tausende haben gerade ihren Job verloren oder sind auf Kurzarbeit und sitzen nun zuhause. Sie wissen nicht genau, wie es weiter geht. Und dann wird permanent darüber gesprochen, dass wir die größte Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg haben. Corona ist nicht nur ein gesundheitliches Problem.

Angst vor der Zukunft ist aber kein Grund, seinen Partner zu schlagen.

Natürlich nicht, aber sie senkt bei einigen die Hemmschwelle für Gewalt. Finanzielle Probleme oder Zukunftsängste sind bekannte Risikofaktoren für häusliche Gewalt.

Sie gehen davon aus, dass derzeit noch nicht das gesamte Ausmaß der Gewalt in Familien sichtbar ist.

Ich bin überzeugt, dass da noch einiges auf uns zukommen wird. Nämlich dann, wenn alle Beschränkungen gefallen sind. Ich befürchte, dass dann auch viele misshandelte Kinder in die Ambulanz gebracht werden.

Warum?

Weil die soziale Kontrolle mit den Beschränkungen weggefallen ist. Schulen wurden geschlossen, ebenso die Kitas. Jetzt bleibt es noch in den eigenen vier Wänden verborgen, wenn Eltern ihre Kinder schlagen. Doch wenn die Einrichtungen wieder öffnen, werden Erzieher und Lehrer auf Zeichen von Misshandlungen achten. Derzeit kommen nur die Fälle zu uns, in denen beispielsweise Nachbarn wegen schreiender Kinder die Polizei gerufen haben.

Weshalb sind Sie sich so sicher, dass Sie es nach den Beschränkungen mit vielen Fällen von Kindesmisshandlungen zu tun haben werden?

Wir sehen das einmal im Jahr nach den Sommerferien. Nach den Sommerferien brennt hier - wenn ich das mal so sagen darf - für zwei, drei Wochen wirklich die Luft. Weil da wahnsinnig viel hochkommt, was in der langen schulfreien Zeit geschehen ist. Ich denke, das wird ähnlich werden, wenn wir in eine Art Alltag zurückgekehrt sind.

Kann die Gesellschaft etwas tun, um häusliche Gewalt zu vermeiden?

Was unsere Gesellschaft im Moment benötigt, ist eine stabile positive Kommunikation.

Das heißt?

Die Maßnahmen, die jetzt angelaufen sind, sind überaus wichtig. Das Kurzarbeitergeld wurde erhöht, es wird darüber gesprochen, wie es weitergeht. Es ist auch gut, dass Kinder aus sozial schwierigen Familien seit einer Woche in die Notbetreuung dürfen. Das sind aus meiner Sicht alles sehr notwendige Schritte. Wichtig ist es aber auch, dass wir uns als Gesellschaft ganz klar gegen jegliche Gewalt positionieren.

Wie bereitet sich die Gewaltschutzambulanz auf das Ende der Kontaktbeschränkungen vor?

Wir sind derzeit schon bereit und treffen keine weiteren besonderen Vorbereitungen. Auch wenn wir von einem Ansturm auf unsere Ambulanz ausgehen. Wir arbeiten schon jetzt etwas anders als sonst, tragen Mundschutz und Handschuhe beim Kontakt mit dem Patienten. Auch die Patienten tragen bei uns einen Mundschutz. Und wir desinfizieren nach jeder Untersuchung sämtliche Oberflächen. Genauso werden wir auch weiterhin arbeiten.

Das Gespräch führte Katrin Bischoff.