Der jüngste Anrufer war ein sechsjähriger Junge, der um Hilfe für seine Mutter bat, die älteste Anruferin eine 86-jährige Frau. Bei der Hotline der Berliner Initiative gegen Gewalt an Frauen melden sich jeden Tag im Durchschnitt 19 Anrufer. Meist sind es Frauen, die Hilfe wollen, weil ihre Männer sie verprügeln.

16.108 Fälle von häuslicher Gewalt hat die Berliner Polizei im vergangenen Jahr registriert. Die Zahlen steigen an und das liegt nach Einschätzung von Experten daran, dass Frauen sich immer öfter trauen, ihre Partner anzuzeigen. Einen Beitrag dazu hat vermutlich das Gewaltschutzgesetz geleistet. Seit zehn Jahren gibt es nun eine rechtliche Handhabe, schlagende Partner auf Distanz zu halten. Anlässlich des Jubiläums erscheint jetzt eine Broschüre zum Gesetz.

16.000 – das sind jene Fälle, die öffentlich werden, weil die Polizei gerufen wird. Drei Morde sind dabei und fünf Totschläge, 149 Vergewaltigungen und fast 9 000 Körperverletzungen. Auch der Fall aus der Köthener Straße, bei der Anfang Juni ein Mann seine Frau in grausiger Raserei getötet hat, wird wohl in so einer Statistik landen. Der Mann soll seine Frau schon seit langem geschlagen haben.

Die allermeisten Fälle sind allerdings weniger spektakulär. Und die Dunkelziffer ist hoch. Laut einer Studie des Bundesfamilienministeriums hat jede vierte Frau schon einmal körperliche oder sexuelle Gewalt durch aktuelle oder frühere Beziehungspartner erlebt.

Berlin hat ein gut ausgebautes Netzwerk für Frauen in Gewaltbeziehungen zu bieten. Sie können sich Hilfe holen. Über die Hotline sind täglich von neun Uhr bis Mitternacht Beraterinnen erreichbar. Sie kennen sich aus mit gewalttätigen Partnern oder Ex-Partnern. 24 BIG-Mitarbeiterinnen betreuen diese Telefone. Meist sind die Anrufer weiblich und selbst betroffen. „Sie rufen an, wenn der Mann am Wochenende vereist ist, wenn sie einen Moment Ruhe haben“, sagt Jennifer Rotter von BIG. Manchmal schützen sie eine Freundin vor, die angeblich geschlagen werde. „Die meisten Frauen wollen nicht raus aus ihrer Beziehung, sie wollen, dass er aufhört, sie zu schlagen“, sagt Jennifer Rotter.

Das zu erreichen, ist nicht einfach. Es gibt nur wenige Täterprogramme. Zwei Initiativen in der Acker- und der Tieckstraße bieten schlagenden Männern Beratung und Problembewältigungskurse an. Die Frauen scheuen sich allerdings nicht nur vor einer Anzeige.

„Sie schämen sich, haben Angst vor dem Täter, der Öffentlichkeit, Behörden“, sagt Wiebke Wildfang, die für BIG Rechtsberatung übernimmt und Frauen vor Gericht vertritt. Denn dort müssen sie hin, wenn der Mann nicht aufhört zu schlagen, sie als sein Eigentum betrachtet, mit dem er machen kann, was er will.

Gerichtlich kann angeordnet werden, dass der Täter die gemeinsame Wohnung verlassen muss und sich dem Opfer nicht mehr nähern darf. Die Frauen müssen allerdings mit Anzeigen und ärztlichen Attesten vorweisen können, dass es den Richtigen trifft. „Der Vorteil dieses Gesetzes ist, dass es klar macht, wer Opfer und wer Täter ist“, sagt Wiebke Wildvang.

Lange Zeit galt Gewalt gegen die eigene Partnerin als Privatsache. „Das Gesetz hat keine abschreckende Wirkung, aber es macht den Frauen und auch der Gesellschaft klar, dass man Schläge nicht hinnehmen muss.“ Schwierigkeiten sieht sie noch beim Umgang mit gemeinsamen Kindern, weil Kontaktverbote oft von Familiengerichten durch Umgangsregelungen wieder unterlaufen würden.

Und beim Schutz für Migrantinnen. Sie haben Angst ausgewiesen zu werden, Hemmungen, sich nach außen zu wenden, weil sie schlecht deutsch sprechen. Die Abhängigkeit vom Partner ist groß. Manche Frauen in einer solchen Situation schaffen es, ihren gewalttätigen Partner zu verlassen.

Viele bleiben in der Beziehung, halten oft jahrelang still und kassieren Schläge. Bis sie es einfach nicht mehr aushalten. „Der Kessel kocht über“, sagt Jennifer Rotter von der Initiative gegen Gewalt an Frauen.