Berlin - Es war der Traum von einem besseren Leben, der Eugeniu und Oxana B. nach Deutschland trieb. Sie packten in Moldawien ihre Sachen und machten sich im Oktober 2015 auf den Weg. Ihren kleinen Sohn ließen sie zunächst bei Verwandten. Familie, Haus, Arbeit – so sah der Traum aus. Doch daraus wurde nie etwas. Zwar hatte die 31-jährige Oxana B. bald einen Job in einem Hotel in Berlin gefunden und auch eine kleine Wohnung, die ihr der Arbeitgeber zur Verfügung stellte. Doch ihr Mann rutschte ab. Er hatte Schwierigkeiten, die neue Sprache zu lernen. Er bekam keine Arbeit, er ertränkte seine Alltagssorgen immer häufiger im Alkohol, so erzählte es Oxana B.

Das Paar stritt immer häufiger. Es trennte sich. Eugeniu B. landete auf der Straße. Er trank, er klaute. Ab und zu telefonierte die zierliche Frau noch mit ihrem Ehemann. Zuletzt an einem Montagmorgen im September 2016. Das Paar wollte sich abends treffen, Oxana B. hatte vor, ihrem Mann vorzuschlagen zurückzukehren. In das alte, das ärmliche Leben, das sie für ihren Traum aufgegeben hatten. Das ihr nun aber besser erschien als dieses Leben in Deutschland.

Massive Blutung

Oxana B. ahnte nicht, dass ihr Mann bei dem Telefonat schon schwer verletzt und sein Kopf geschwollen war, dass er fingerdicke Hämatome unter den Augen hatte. Nichts war an seiner Stimme anders als sonst, berichtete sie später. Es war der Tag, an dem der 34-jährige Eugeniu B. mit lebensbedrohlichen Kopfverletzungen in das Unfallkrankenhaus in Marzahn kommen sollte. Dort konnten die Ärzte dem Mann nicht mehr helfen. Einen Tag später war der Vater eines sechsjährigen Jungen tot. Eugeniu B. starb an einer massiven Blutung unter der Hirnhaut, einer Hirnschwellung, einer Nasenbeinfraktur und Einblutungen ins Gesicht.

André S. steht an diesem Montagmittag mit versteinertem Gesicht im Saal 618 des Landgerichts neben seiner Verteidigerin. Der einstige Leiter eines Supermarktes im Bahnhof Lichtenberg atmet sichtbar tief ein und aus, man merkt, dass er gerne mit einer Bewährungsstrafe davonkommen würde. Doch die Hoffnung macht der Vorsitzende Richter Ralph Ehestädt schnell zunichte, als er das Urteil gegen André S. verkündet. Der 29-jährige Kaufmann muss wegen gefährlicher Körperverletzung mit Todesfolge für drei Jahre und drei Monate ins Gefängnis. André S., so sagt der Richter, trage zumindest eine Mitschuld am Tod des obdachlosen Moldawiers Eugeniu B.

Die Tat, für die der untersetzte Mann nun ins Gefängnis soll, sorgte bundesweit für Aufsehen. André S. hatte Eugeniu B. in seinem Supermarkt beim Diebstahl einer Flasche Schnaps erwischt, ihn aber nicht der Polizei übergeben, sondern als Hausherr selbst für Ordnung in seinem Markt gesorgt – auf eine Weise, die offenbar schon seit Längerem üblich war in dem Geschäft. Weil Anzeigen gegen die meist obdachlosen und vielfach alkoholisierten Menschen, die beim Klauen ertappt wurden, nichts brachten, wie André S. sagte. Weil die Erwischten morgens von der Polizei mitgenommen wurden und abends wieder klauen kamen. Weil der Chef des Ladens den Leuten auf diese Weise sagen wollte: „Bei uns bitte nicht.“ So hat es André S. dem Gericht erklärt.

„Wie einen Hund“

An jenem 17. September vorigen Jahren ging Eugeniu B. zielgerichtet in den Laden um zu stehlen. Er war bereits eine Woche zuvor in dem Supermarkt erwischt worden und – so zeigen es Videoaufnahmen – vom stellvertretenden Filialleiter verprügelt und hinausgeschmissen worden. Diesmal hatte Eugeniu B. wieder kein Geld dabei. Er wollte am Nachmittag seine Cousine besuchen und nicht mit leeren Händen dastehen. So sagt es der Richter Ehestädt, als er das Tatgeschehen Revue passieren lässt.

Eugeniu B. griff eine Flasche Chantré aus dem Spirituosenregal, das sich in Kassennähe befindet. Er stopfte sich die Flasche in die Hose. Die vielen Schilder im Markt, auf denen Ladendiebe vor Diebstahl gewarnt werden – sie waren dem Mann wohl egal, er konnte sie auch nicht lesen. Ebenso wenig wie die Hausordnung mit den zehn Regeln, die am Eingang des Marktes hängt.

André S. beobachtete den Diebstahl von seinem Büro aus, in dem ihm mehrere Dutzend Bildschirme zeigten, was in seinem Laden gerade los war. Eugeniu B. war schon mehrfach beim Klauen dort erwischt worden. Der Marktleiter erzählte, dass er sich ein paar schnittfeste Quarzsandhandschuhe zugelegt habe, umso besser bei Messerangriffen auf das Personal geschützt zu sein. André S. zog sich einen Handschuh über die rechte Hand, dann griff er sich den Ladendieb. Er schleifte den angetrunkenen Mann nach hinten. Zum Lieferantenausgang. Dorthin, wo der Boden gefliest ist.

Die Kamera zeichnete auf, wie Eugeniu B. vor André S. kniete. Um 8.12 Uhr schlug der Supermarktleiter zu. „Wir sehen einen sehr wuchtigen Schlag in Richtung Nase“, sagt Ralph Ehestädt in seiner Urteilsbegründung. Der Kopf von Eugeniu B. sei dabei herumgerissen worden, die Brille zu Boden gefallen. Blut tropfte auf den Fußboden. Dann folgten ein Fußtritt und ein weiterer Schlag. Schließlich zerrte André S. den Verletzten hoch und warf in hinaus. „Wie einen Hund“, sagt der Richter Ehestädt.

„Eugeniu B. ist kein Einzelfall“

Das Video, das in der Verhandlung vorgeführt wurde, zeigt auch einen Mitarbeiter, der die ganze Zeit neben André S. gestanden und das Geschehen verfolgt hat. Der Mann wischte später, ohne dazu aufgefordert worden zu sein, das Blut routiniert von den Fliesen. Mitarbeiter berichteten vor Gericht, dass die Polizei eher genervt gewesen sei, wenn man sie gerufen habe. Der Chef habe irgendwann vorgelebt, wie man mit Ladendieben umzugehen habe.

„Eugeniu B. ist kein Einzelfall“, sagte Oberstaatsanwalt Ralph Knispel, der in dem Verfahren die Anklage vertrat, während des Prozesses. In dem Geschäft habe es eine ganze Reihe von Übergriffen gegeben, die auch Gegenstand von Ermittlungen gewesen seien. „Sie wurden aber in aller Regel eingestellt, weil den Geschädigten kein Glauben geschenkt wurde“, erklärte der Oberstaatsanwalt. Wer glaubt schon einem Obdachlosen oder Betrunkenen? Mittlerweile laufen mehrere Ermittlungsverfahren wegen weiterer Übergriffe in dem Supermarkt.

Wie schwer angeschlagen Eugeniu B. an jenem Tag von den Schlägen des Supermarktleiters war, hat seine Cousine vor Gericht ausgesagt. Die Frau, die mit Mann und Kind in Berlin lebt, erzählte, sie sei erschrocken gewesen, als ihr Cousin vor der Tür gestanden habe. Er habe einen blauen Fleck unter einem Auge gehabt. „Man hat mich zusammengeschlagen wie einen Hund“, erklärte Eugeniu B. Am nächsten Morgen war auch das andere Auge blau, das Gesicht geschwollen. Beim Naseputzen kam Blut. Einen Notarzt lehnte Eugeniu B. ab. Er war nicht krankenversichert und fürchtete, die Behandlungskosten nicht zahlen zu können. Auf einem Video, das die Cousine drehte, ist Eugeniu B. zu sehen. Er bewegt sich langsam, wirkt fast apathisch. Am Abend verließ er seine Cousine.

Die Suche nach einem Arzt

Am nächsten Morgen, nach dem Anruf seiner Ehefrau, versuchte Eugeniu B. noch, einen Arzt zu finden. Doch in jeder Praxis wurde er weitergeschickt. Bis man ihm empfahl, in die Rettungsstelle des Marzahner Unfallkrankenhauses zu gehen. „Er wird hin- und hergeschickt. Man findet ihn schließlich zusammengesunken und halb weggetreten auf einer Bank des Krankenhausgeländes“, sagt der Vorsitzende Richter. Alle Hilfe kam da bereits zu spät.

André S. verfolgt die Urteilsverkündung mit starrem Blick und zusammengepressten Lippen. Er regt sich auch nicht, als Ehestädt ihm ein menschenverachtendes und ausländerfeindliches Verhalten vorwirft.

Der Vorsitzende Richter der Schwurgerichtskammer verweist auf die zahlreichen WhatsApp-Nachrichten, die sich André S. und andere Marktmitarbeiter mit ihren Smartphones zusandten. Szenen von Prügelorgien im Supermarkt, die von den Überwachungsvideos abgefilmt oder abfotografiert und mit zynischen Texten unterlegt wurden. Mit Formulierungen wie „Frühstück. Moldawier zu Gast bei Freunden“ oder „Guten Appetit“ waren die kleinen Filme unterlegt.

André S. kommt laut Ehestädt mit einer Haftstrafe „am unteren Rand“ davon. Das liege daran, dass das Gericht die Schläge des Supermarktleiters nicht als alleinige Ursache für den Tod von Eugeniu B. sieht. Eher als Auslöser. „Vielleicht gab es eine Vorschädigung“, erklärt der Richter. Eine Bewährungsstrafe sei jedoch ausgeschlossen gewesen. „Wir können es nicht durchgehen lassen, dass jemand Selbstjustiz übt. Es ist nicht Ihre Aufgabe, die Rechtsordnung zu wahren.“

Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig. Eugeniu B. ist wieder nach Moldawien zurückgekehrt. Er ist dort begraben worden.