Berlin - Es muss ein ganz heißer Tipp gewesen sein. Als sich am Mittwoch ein Insasse der Justizvollzugsanstalt (JVA) Charlottenburg bei der Polizei meldete und erzählte, dass drei Mitgefangene eine scharfe Pistole besäßen, gingen alle Alarmlampen an. Die Justizverwaltung wurde informiert. Nachdem in den Zellen der drei Männer – mindestens einer stammt nach Justiz-Angaben aus dem Rocker-Milieu – nichts gefunden wurde, entschied man sich dazu, alle Zellen der Haftanstalt zu durchsuchen.

Die Staatsanwaltschaft rückte mit drei Vernehmungsteams an. Während Justizbeamte die Wohnräume durchkämmten, suchten Polizisten mit Hilfe von Hunden und Metalldetektoren auf dem Freigelände, in Baumkronen oder unter Gebüschen. Wo man glaubte, Grabungsspuren gefunden zu haben, wurde gebuddelt. Die Waffe wurde jedoch nicht gefunden.

Menschenunwürdige Bedingungen

Der Alarm am Friedrich-Olbricht-Damm führte zum größten Knast-Umzug seit dem Mauerfall. Um alle Zellen durchsuchen zu können, wurden alle 260 Häftlinge in Gefangenentransporter gesteckt und wenige Kilometer weit in die JVA Tegel gefahren. In einen Transporter, ausgestattet mit großer Sammelkabine hinten und mehreren Einzelkabinen vorne, passen rund 20 Gefangene.

Da die Berliner Justiz nicht über so viele Transporter verfügt, wurde gependelt. Allein am Donnerstag gab es elf Fahrten. Dennoch mussten 140 Charlottenburger in Tegel übernachten, weil erst Freitagvormittag alle Zellen wieder freigegeben waren. Im Laufe des Freitags waren alle zurück.

Während in Charlottenburg ihre Räume gefilzt wurden, kamen die Gefangenen in Haus 1 in Tegel unter. Das bedeutet: ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, Wandregale, ein Einfach-Fenster, eine Kloschüssel. All das auf etwa 5,3 Quadratmetern. Die Inhaftierung in dem 1889 gebauten Knast ist menschenunwürdig. Das hat Berlins Verfassungsgerichtshof im Jahr 2009 entschieden. Derzeit sind vor dem Kammergericht Klagen früherer Insassen auf Haftentschädigung anhängig.

Rache der Mithäftlinge befürchtet

Über den Tippgeber schweigt die Justizverwaltung. „Wir müssen ihn schützen“, sagt Sprecherin Lisa Jani. Wahrscheinlich wissen die Mitgefangenen, wer die Polizei informiert hat. Gut möglich, dass sich einige rächen wollen. Schließlich wurde bei der Kontrolle zwar keine Pistole, aber in einer Zelle 125 Gramm Kokain-Gemisch gefunden, in anderen verbotene Hardcore-Pornos sowie insgesamt 21 Handys und Ladestationen. Diese Dinge dienen dem Eigengebrauch, sind aber auch wertvolles Handelsgut im Knast.

Viele gute Gründe also, den Hinweisgeber zu schützen. Selbst eine Verlegung in eine andere Haftanstalt ist nicht ausgeschlossen.

Seit Sonnabend herrscht in der JVA Charlottenburg eingeschränkter Normalbetrieb. Der Einzelverschluss, bei dem alle Insassen allein in ihren Zellen sitzen, wurde aufgehoben. Allerdings können sie die Freistunden nicht auf dem Freistundenhof verbringen, weil dieser noch untersucht wird, sondern müssen auf den Sportplatz gehen. Am Montag werden die Arbeitsbetriebe durchsucht.