Für den Abend steht noch Krafttraining auf dem Plan. Mayada Al-Sayad weiß schon, was sie erwartet: In den Gesichtern der muskelbepackten Männer im Fitnessstudio wird sich eine Frage abzeichnen: „Was will die denn hier?“ Die 23-Jährige amüsieren die skeptischen Blicke, nur selten verirrt sich eine Frau in den Freihantelbereich, noch dazu mit einer Körpergröße von nur 1,60 Meter. „Aber ein bisschen muss ich halt für meine Stabilität arbeiten“, sagt die Marathonläuferin, die für den nächsten Sommer schon feste Reisepläne hat: Rio de Janeiro. Bei den Olympischen Spielen startet sie für Palästina.

Zur Leichtathletik kam die Berlinerin im Kindesalter. „Meine Schwester und ich haben immer zugeguckt, wenn mein Bruder Fußball gespielt hat, irgendwann wollten wir auch Sport treiben“, sagt sie. Ihre Mutter meldete die Zwillingsschwestern beim AC Berlin in Wuhletal an. „Das war damals noch spielerisch, als wir älter wurden, haben wir gemerkt, dass wir auf längeren Strecken gut sind.“

Sprung auf die Marathondistanz zahlt sich aus

Läufe über drei, fünf und zehn Kilometer, später kam öfter mal ein Halbmarathon dazu. Vor vier Jahren wagte sie den Sprung auf die volle Marathondistanz und baute nach und nach darauf auf. Eine Entscheidung, die sie nun zum größten Turnier führt, das Sportler anstreben können.

Mayada Al-Sayad wirkt zaghaft, sie spricht zurückhaltend und mit einem Lächeln. Ihr Vater war in den 1980er- Jahren fürs Studium aus Palästina ins damalige Ost-Berlin gekommen, wo er ihre Mutter kennenlernte, eine Thüringerin. Mayada wohnt noch bei ihren Eltern in Mahlsdorf. Sie sagt, sie sei religiös erzogen worden, fühle sich als Muslimin. „Ich esse kein Schweinefleisch und trinke keinen Alkohol.“ Viel strenger lege sie die Religion nicht aus.

Die Sache mit Olympia sei plötzlich gekommen. „Mein Vater hat einen Bekannten hier in der Botschaft“, sagt Al-Sayad. „Als das nationale olympische Komitee begann, eine palästinensische Mannschaft zusammenzustellen, haben sie mich gefragt, ob ich in Rio für sie rennen will.“

Historische Leistung beim Hamburg-Marathon

Im Frühjahr unterbot sie beim Hamburg-Marathon die Norm des Leichtathletik-Weltverbands IAAF um ein paar Sekunden, womit ihr etwas Historisches gelang: Als erste palästinensische Frau hat sich Mayada Al-Sayad über sportliche Leistung für Olympia qualifiziert. Das war zuvor erst einem männlichen Athleten gelungen, alle anderen Olympioniken aus Palästina hatten bislang auf Einladung des Internationalen Olympischen Komitees an den Spielen teilgenommen. Bei den Leichtathletik-Weltmeisterschaften in Peking lief sie im August als erste Frau für Palästina einen WM-Marathon.

Für Deutschland könnte Mayada Al-Sayad mit ihren Zeiten nicht starten. Die vom Deutschen Olympischen Sportbund vorgegebene nationale Norm liegt 15 Minuten unter ihrer Bestzeit. Trotzdem ist die Entscheidung, für das Heimatland ihres Vaters anzutreten, mehr als ein bequemer Wechsel. Sie fühlt sich Palästina verbunden. „Zu Schulzeiten habe ich die Sommerferien immer bei meiner Familie in Jerusalem verbracht“, erzählt sie.

Bald fliege sie ihre ältere Schwester besuchen, die dort inzwischen lebt. „Natürlich ist vieles schlimm, was in der Region passiert, von beiden Seiten“, sagt sie mit Blick auf den Konflikt mit Israel. Das Leben dort sei aber nicht nur vom Schlechten geprägt, für viele junge Leute spielten die unterschiedlichen Religionen keine große Rolle. „Ich sehe es nicht politisch, aber ich bin stolz, für Palästina anzutreten“, sagt sie. „Man hört immer nur negative Schlagzeilen, ich möchte für positive sorgen.“

Leistungssport trotz Stoffwechselstörung

Dafür trainiert sie zwischen Plattenbauten an der Allee der Kosmonauten. An den Wochenenden geht es mit ihrer Trainingsgruppe auch mal zum Treppenlauf in den Volkspark Friedrichshain. Viele in ihrem Alter zieht es in die Innenstadt, um näher dran zu sein am pulsierenden Leben. „Ich hab schon diesen Drang“, sagt sie, abends sei sie häufiger in Kreuzberg oder Neukölln unterwegs. „Ich kann mir vorstellen, in die Stadt zu ziehen und alles vor der Tür zu haben.“ Mit ihrer Zwillingsschwester schmiede sie deshalb schon Pläne, in Kreuzberg eine WG zu gründen.

Bis dahin ist das Nachtleben erst mal tabu. Die 23-Jährige steht morgens um halb acht auf, nach dem Frühstück steht der erste Dauerlauf auf dem Programm. Sie trainiert jeden Tag, meistens zweimal. Da ist es von Vorteil, dass ihr Vater ihr Arbeitgeber ist: Im Sommer beendete Mayada bei ihm die Ausbildung zur Zahntechnikerin, derzeit arbeitet sie nur zwei Tage die Woche. „Mein Vater will, dass ich den Betrieb mal übernehme“, sagt sie mit einem Ton, als liege der Gedanke daran in einer anderen Galaxie. „Vorher will ich sehen, was ich meinem Körper alles antun kann.“

Zu viel Muskelmasse ist hinderlich

Die Athletin leidet unter der Stoffwechselstörung PKU, ihr Körper baut Aminosäure nicht richtig ab. „Ich darf nur eine bestimmte Menge Eiweiß zu mir nehmen“, sagt Al-Sayad, „aber ich habe keine Beschwerden.“ Dafür nimmt sie dreimal täglich ein Medikament ein, ihre Ernährung vergleicht sie mit der eines Vegetariers, „nur extremer“.

Wenigstens habe sie sich für die Krankheit eine Disziplin ausgesucht, in der Eiweißzufuhr keine so große Rolle spiele: „Ich könnte nicht so richtig muskulös werden“, sagt sie, aber zu viel Muskelmasse sei beim Marathon sowieso hinderlich: „Sonst muss man zu viel schleppen.“