Berin - Das Attentat von Hanau bewegt Berlin. Am Sonnabend zogen mehrere Tausend Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Neukölln nach Kreuzberg, um auf der antifaschistischen Gedenkveranstaltung der Angehörigen der neun Getöteten zu gedenken, die ein deutscher Rechtsterrorist vor einem Jahr in der hessischen Stadt ermordete. Organisiert hatte die Demonstration das Bündnis „Hanau Gedenken“.

„Menschen, die so denken wie der Täter aus Hanau, könnte es auch in Berlin geben“, befürchtet Kano. Der Berliner demonstriert am Sonnabend vor allem, um seine Solidarität mit den Betroffenen aus Hanau zu zeigen. Doch so wie die meisten hier treibt ihn auch die Wut auf die strukturellen Hintergründe des Terrors um, auf ein gesellschaftliches Klima, das solche Taten erlaubt. Die, die hier sind, kämpfen gegen das Narrativ des irren Einzeltäters ebenso an wie gegen das, was man institutionellen Rassismus nennt.

Foto: Sabine Gudath
Teilnehmer der Demo mit Plakaten gegen Rassismus und in Gedenken an die Mordopfer von Hanau.

Die Teilnehmer sehen historische Kontinuitäten von Rassismus: Verbindung zu anderen Gewalttaten, an anderen Orten, zu anderen Zeiten. Damit soll endlich Schluss sein. „Rassismus hat in unserem Alltag nichts zu suchen“, sagt Kano. Deswegen steht er wohl so groß auf dem schwarzen Transparent über den Köpfen des ersten Demoblocks, der klagende und provokante Ausruf: „Deutschland du Einzeltäter“.

Es ist eindeutig, die Anwesenden attestieren der deutschen Gesellschaft ein Rassismus-Problem: Als Menschen mit Migrationshintergrund fühlen sich viele nicht sicher, trotz und sogar wegen der Polizei. „Für Deutschland bleiben wir für immer Fremde“, sagt eine Sprecherin der Gruppe Young Struggle. „Dieses System war nie dafür vorgesehen, uns zu schützen.“

Polizisten kontrollierten Teilnehmer

Und so wirkt der wiederkehrende Aufruf der Veranstalter, keine Bilder ins Internet zu stellen, auf denen Gesichter von Teilnehmenden zu sehen sind, immer nachdrücklicher. Die Aufforderung mag zwar einige der anwesenden Pressevertreter empören, schließlich ist es eine öffentliche Veranstaltung. Doch hinter der Aufforderung steckt die reale Erfahrung der Organisatoren und Teilnehmenden, aufgrund von äußeren Merkmalen von Behörden und Sicherheitskräften anders behandelt zu werden. Solche Polizeikontrollen nennt man Racial Profiling.

Kurz vor Beginn der Demonstration hatte es an der Hermannstraße mehrere sogenannte Vorkontrollen gegeben. Verdachtsunabhängig, wie ein Beamter auf Nachfrage sagt. Rassistisch, sagt ein junger Mann von der Migrantifa, dessen Rucksack und Taschen durchsucht worden waren. Er habe keinen anderen Anlass zur Durchsuchung feststellen können als sein Äußeres. Dass er mitten auf einer Verkehrsinsel seinen Rucksackinhalt einem Beamten hatte zeigen müssen, beschreibt er als ein sehr unangenehmes Erlebnis. Überrascht darüber sei er nicht.

Auch Rabaah fühlte sich aufgrund ihres Äußeren von den Polizisten bedrängt. Kurz vor Startpunkt der Demo hatten Beamte sie angehalten. „Einfach so. Mich, nicht meinen deutsch aussehenden Mann, der neben mir läuft“, sagt Rabaah. Ihr Mann nickt. Sie ist sichtlich aufgebracht. „Ich fühle mich wie ein Verbrecher, richtig scheiße.“

Nach Demonstrationsbeginn bleibt die Gedenkveranstaltung ruhig. Die meisten Teilnehmenden haben sich gut vorbereitet, die Slogans reihen sich ein in die Forderung nach der gesamtgesellschaftlichen Veränderung. Eine junge Frau hat ein Pappschild dabei, auf das sie mit schwarzem Filzstift dick „Kein Vergeben Kein Vergessen“ geschrieben hat. Was hat Hanau mit Berlin zu tun? Sie sagt: „Weil es ein systematisch strukturelles Problem ist, von Moria bis Hanau. Wenn man jetzt nicht antirassistisch ist, weiß ich auch nicht.“

Der Demozug wuchs an jeder Straßenecke

Auf der Route von der Hermannstraße zum Oranienplatz wuchs die Menschenmenge praktisch an jeder Kreuzung ein Stück weiter. Während ein Polizeisprecher noch von 6000 Menschen sprach, kurz bevor die Demospitze auf das Rathaus Neukölln zulief, gab eine Rednerin über den Lautsprecherwagen bereits eine Stunde darauf durch, sie seien jetzt 20.000. Jubel in den umstehenden Reihen.

Die etwa hundert Polizeikräfte waren vor allem damit beschäftigt, den Verkehr so umzuleiten, dass die vielen Teilnehmer genügend Abstand einhalten konnten.