Berlin - Um 16.40 Uhr schweigt Neukölln. Jedenfalls hat man den Eindruck, wenn man inmitten der vielen Menschen steht, die vor dem Rathaus an der Gedenkveranstaltung zum Jahrestag des Attentats von Hanau teilnehmen. Vor genau einem Jahr ermordete dort ein Rechtsterrorist neun Menschen, in der Innenstadt, mitten im Zentrum ihres Alltags.

Die Stille während der Schweigeminute verändert die Stimmung am Freitagnachmittag aber kaum, die Atmosphäre ist ohnehin bedrückend und andächtig. Kaum einer schwatzt, niemand lacht. Weit über tausend Personen sind laut eines Polizeibeamten bereits wenige Minuten nach Beginn der Veranstaltung hier, kurz darauf muss sich die Menge wegen des Hygiene-Abstandes schon bis tief in die Karl-Marx- und die Erkstraße verteilen.

Kein Vergeben, kein Vergessen

Die Teilnehmenden halten Schilder mit den Gesichtern der neun Getöteten in die Höhe, sie haben Blumensträuße dabei. Als es dämmert, stellen einige Menschen Grabkerzen um den Brunnen in der Mitte des Rathausplatzes. „Hanau ist überall“ ist auf einem Schild zu lesen, „Erinnerung, Gerechtigkeit, Aufklärung, Konsequenzen“ auf einem anderen. Zwei Frauen stehen auf den Stufen vor dem Rathaus, weit über ihnen, über dem Eingang des Rathauses, prangen auf einem Transparent die Gesichter und Namen der Getöteten. Die Frauen tragen ein gelbes Banner zwischen sich: „Kein Vergeben, kein Vergessen“.

Die Anteilnahme an den Verlusten der Angehörigen von Hanau ist groß. Viel Platz in den Redebeiträgen erhält die Initiative 19. Februar aus Hanau, die Worte der Betroffenen schallen per Lautsprecher über den Platz. Mohammed Chahrour vom Bündnis „Kein Generalverdacht“, das die Trauerveranstaltungen organisiert, die zeitgleich auch in Wedding und Kreuzberg stattfinden, kritisiert gleich zu Beginn der Eröffnungsrede die Gedenkveranstaltung des Bezirksbürgermeisters Martin Hikel (SPD), die am Vorabend stattgefunden hat. Chahrour wirft Hikel vor, das Gedenken an Hanau zu instrumentalisieren. 

„Das ist derselbe, der Shishabars als Wohnzimmer der Clans bezeichnet hat“, sagt Chahrour auf Nachfrage nach seiner Kritik. Einer der Hanauer Tatorte war eine Shishabar. Der Täter hatte sie gezielt betreten und dort um sich geschossen. In der „Arena-Bar“ starben fünf der neun Opfer. In der Debatte um Hanau werfen Organisationen und Betroffene Politik und Medien vor, mit Razzien in Shishabars und der Verwendung des „Clan“-Begriffs für Organisierte Kriminalität die Stigmatisierung zu befeuern, anstatt Rassismus entgegenzuwirken. In Bezug auf den Bezirksbürgermeister sagt Chahrour empört: „Ohne Reue kann man nicht gedenken.“

Wut auf den Täter, Wut auf Rassismus

Zur selben Zeit in einem anderen Bezirk: „No Justice, No Peace!“ und „Alerta, Alerta, Antifascista!“, rufen die Teilnehmenden nach den kraftvollen Redebeiträgen bei der Gedenkfeier in Wedding. Hier am Leopoldplatz sind es laut Polizei rund 900 Menschen. Auch für Schweigen und Trauer ist bei diesem Gedenken Platz, aber es überwiegt die Wut. Wut auf den Täter, aber auch Wut auf Rassismus innerhalb politischer Institutionen, in Medienberichten und bei der Polizei. 

Auf einer Leinwand werden die Namen der neun getöteten Hanauer eingeblendet. „Rassismus tötet“ steht auf einem Banner. Auch hier sprechen die Überlebenden des Anschlags aus den Lautsprechern, fordern eine lückenlose Aufklärung. Zwischen den Redebeiträgen läuft Deutsch-Rap, die Lines handeln von Rassismus in der Gesellschaft. „Ich glaube nicht, dass wir hier noch sicher sind“, sagt Milena, die aus Jugoslawien geflohen ist, in ihrer Rede.

Alle Anwesenden tragen konsequent Masken, auch auf dem Leopoldplatz ist das mit dem Abstandhalten gar nicht so leicht. Die Freude darüber, dass so viele gekommen sind, sei groß, sagt eine Rednerin. Die Teilnehmenden haben viele Möglichkeiten, die eigene Trauer und Wut zum Ausdruck zu bringen: in der Stille beim Niederlegen von Blumen und Anzünden von Kerzen. Oder mit lauten Rufen. Und es sind Zettel ausgelegt, auf die jeder die eigenen Gedanken schreiben darf, die später vorgetragen werden sollen.

Eine Performance-Gruppe, angekündigt als „Next Generation“ aus dem Theater X in Moabit, ruft als Teil einer Mini-Inszenierung: „Sie bringen uns um. Seit Jahren schon.“ Die ersten Zuschauerreihen gehen in die Knie, damit alle die Performance sehen können. Dann legen die sechs Künstlerinnen Rosen auf den Platz.

Auch online wurde Hanau zum Jahrestag gedacht: Gesänge und kurze Andachten hatten bereits am Morgen die Gebete von Vertreterinnen und Vertretern verschiedener Religionen begleitet. In einem Livestream, organisiert vom House of One, einer Vereinigung von muslimischen, christlichen und jüdischen Gläubigen in Berlin. „Neun Menschen sind vor einem Jahr gestorben und wir verstehen nicht, warum“, leitete Imam Kadir Sanci den multireligiösen Gottesdienst ein. „Was wir aber verstehen, ist, dass Hass, Rassismus und Vorurteile den Weg zu solchen Gewalttaten bereiten.“ Auch Vertreterinnen und Vertreter des Hinduismus, der Sikh und der Bahai beteten von verschiedenen Orten in Berlin aus für die Getöteten. Frieden und Liebe standen im Zentrum der Ansprachen.

Demonstration zum Gedenken an die Opfer der rassistischen Morde in Hanau

Samstag, 20.02.2021, 14 Uhr, S-Bhf Hermannstraße: Gedenkdemonstration an die Opfer der rassistischen Morde in Hanau. Individuelles Gedenken am Jahrestag des Anschlages 19.02. ab 16 Uhr