Noch ist Einkaufen in den Shoppingmalls der Stadt möglich.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinIm Kampf gegen die Ausbreitung des Coronavirus geht die Bundesregierung den nächsten Schritt und schränkt das Leben der Bundesbürger weiter ein. Viele Geschäfte sollen geschlossen, Gottesdienste sowie Freizeitaktivitäten verboten werden. Das geht aus Leitlinien der Bundesregierung und der Regierungschefs der Länder hervor, die am Montagabend bekannt gegeben wurden.

In Berlin – wie in den übrigen Ländern – gelten diese Vereinbarungen nicht mit sofortiger Wirkung, wie die Senatskanzlei am Montagabend auf Nachfrage erklärte. „Das sind Leitlinien“, so Senatssprecherin Melanie Reinsch. Viele der beschriebenen Maßnahmen habe Berlin mit der Verordnung am Sonnabend bereits umgesetzt – wie die Schließung des Nachtlebens. Noch offen auf der Liste: Die Begrenzung der Öffnungszeiten von Restaurants auf die Zeit von 6 bis 18 Uhr sowie Schließungen von Hunderten von Geschäften im Einzelhandel, darunter unter anderem der Kleidungshandel. „Es wird am Dienstag im Senat eine Änderung der Verordnung diskutiert und geschaut, welche Leitlinien noch zusätzlich in die Verordnung aufgenommen werden“, sagte Reinsch.

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Die rigide Corona-Krisenverordnung des Senats am Sonnabend erfolgte mit sofortiger Wirkung, die Polizei kontrollierte kurz nach ihrer Veröffentlichung erste Bars und Kneipen und forderte sie zur Schließung auf. Ob es möglich ist, dass die Schließung des Einzelhandels und die Beschränkung für Restaurants ebenfalls mit sofortiger Wirkung erlassen werden? Ausschließen will es Reinsch nicht: „Das kann sein.“

Nach einer Krisensitzung im Roten Rathaus am späten Montagabend sagte Nils Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer beim Handelsverband Berlin-Brandenburg, der Berliner Zeitung: „Morgen werden wir unsere normalen Öffnungszeiten einhalten können, davon gehen wir fest aus.“ Man rechne damit, dass die neuen Leitlinien am Mittwoch, spätestens aber am Donnerstag, umgesetzt würden.

Supermärkte, Apotheken, Drogerien, Baumärkte, Tankstellen, Großhandel, Sparkassen bleiben offen

Ausdrücklich nicht geschlossen werden Supermärkte, Wochenmärkte, Apotheken, Sanitätshäuser, Drogerien, Tankstellen, Banken und Sparkassen sowie Poststellen, Gartenbau- und Tierbedarfsmärkte und der Großhandel. Damit soll die Versorgung der Bevölkerung sichergestellt werden. Supermärkte melden trotz anhaltender Hamsterkäufe bisher keine Versorgungsprobleme, die Lieferketten seien stabil. „Es gibt keinen Grund für Hamsterkäufe“, betont Senatorin Ramona Pop (Grüne) immer wieder.

Geschlossen wegen COVID-19. Bald könnten solche Schilder in noch mehr Berliner Läden hängen.
Foto: imago images/Xinhua

„Das sind Maßnahmen, die es so in unserem Lande noch nicht gegeben hat“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) nach mehreren Krisentreffen. Sie rief die Bürgerinnen und Bürger am Montag in Berlin auf, keine Urlaubsreisen ins In- und Ausland mehr zu unternehmen und sich an die neuen Regeln zu halten.

Müller appelliert an Solidarität der Berliner

Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) appellierte in einer Videobotschaft beim RBB am Montagabend an die Solidarität aller Berliner, vor allem mit den Menschen, die in die Risikogruppen fallen. „Um die Zahl der Infizierten so gering wie möglich zu halten, mussten wir jetzt das öffentliche Leben weitestgehend stilllegen“, sagte Michael Müller. „Wir alle müssen uns einschränken, werden auf Gewohntes verzichten müssen.“

Aber er sei sicher, jeder wolle helfen und wisse, dass alle jetzt die neuen, unvermeidbaren Regeln unseres Zusammenlebens befolgen müssten, sagte Müller weiter. „Unsere Maßnahmen können nur wirken, wenn wir auf so viele soziale Kontakte wie möglich verzichten.“ Er appellierte an Unternehmer, ihre Beschäftigten möglichst zuhause arbeiten zu lassen und an alle Berliner, den Menschen zu helfen, die sich nun zuhause isolieren müssten. „Ich weiß, wie viel wir Ihnen abverlangen und ich vertraue jetzt auf Ihre Solidarität.“

Ausgangssperre in Frankreich, geschlossene Restaurants in New York 

Auch international beschränken vor allem Großstädte mit rigiden Maßnahmen das Sozialleben. In Frankreich gilt ab Dienstagmittag eine Ausgangssperre. Die Franzosen sollten nur in dringenden Fällen das Haus verlassen, sagte Präsident Emmanuel Macron. In den USA gaben New York und Los Angeles am Montag bekannt, dass Bars und Clubs, aber auch Restaurants und Cafés, vorerst weitgehend schließen.

Bei Unternehmern im ganzen Land führt die sich rasant entwickelnde Nachrichtenlage zu größter Verunsicherung. Bei Niels Busch-Petersen, Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Berlin-Brandenburg, laufen schon am Nachmittag alle Leitungen heiß. Alle großen Verbandsmitglieder wollen wissen, was überhaupt los ist. Doch er habe selbst mehr Fragen als Antworten, sagt Busch-Petersen. „Wir müssen kein Drama erfinden, es ist ein Drama“, sagt Busch- Petersen. „Ich frage ernsthaft: Welches Exit-Szenario verfolgt man? Weiß man, wer bei welchen Fallzahlen entscheidet, dass wir wieder leben können?“

IHK Berlin: „Auswirkungen auf Wirtschaft nicht im Ansatz abschätzbar"

Aus medizinischer Sicht sei die Argumentation zurzeit nachzuvollziehen, wirtschaftlich aber fahre gerade „alles gegen den Baum“. Eine der drängendsten Fragen für alle Unternehmer im Land sei: „Wie werden die Folgen konkret abgemildert, damit wir hinterher überhaupt noch Unternehmen haben, die weitermachen?“

Auch Beatrice Kramm, Präsidentin der Industrie- und Handelskammer Berlin, teilte der Berliner Zeitung am Montagnachmittag mit, dass das gemeinsame Ziel sein müsse, die Ausbreitung des Virus so gut wie möglich zu verlangsamen. Klar sei aber auch, dass sich viele Unternehmen schon jetzt in einer „existenziellen Krise“ befänden, „deren Auswirkungen auf die Berliner Wirtschaft derzeit nicht einmal im Ansatz abzuschätzen sind“. Der Staat müsse jetzt rasch klar machen, an wen sich Unternehmer in Not wenden können.

Busch-Petersen hat eine dringende Bitte an alle Berliner: „Ich appelliere an alle Kunden: Haben Sie ein Lächeln, ein freundliches Wort für unsere Mitarbeiter in Verkauf und Logistik.“ Diese Leute leisteten gerade Enormes.

332 bestätigte Corona-Fälle in Berlin, drei auf Intensivstation

In Deutschland sind nun mehr als 6600 Infektionen mit dem neuen Coronavirus bekannt, wie aus einer Auswertung der dpa hervorgeht. In Berlin sind laut Senatsgesundheitsverwaltung mit Stand Montag, 16.30 Uhr, 332 bestätigte Fälle bekannt.

Im Krankenhaus isoliert werden 20 Personen, davon werden 3 intensivmedizinisch behandelt. Alle anderen Personen sind häuslich isoliert. In Berlin gibt es 2000 Betten auf Intensivstationen.

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