Berlin - Der Schuhmacher Dirk Kohlke kämpft um das Weiterbestehen seiner Werkstatt und um seine Existenz. Lockdown, unglückliche Umstände und bürokratische Fallen zehren an seinen Nerven und haben sein Geld verdunsten lassen, der Umsatz ist zusammengebrochen.

Kohlke, der an der Machnower Straße in Zehlendorf „Grimms Schuhe“ in der dritten Generation führt, leidet unter den Folgen der um sich greifenden Heimarbeit: „Die Business-Leute, die sonst ihre Schuhe zu mir brachten, sitzen zu Hause am Rechner.“ Da gehen höchstens die Latschen oder die Socken kaputt.

Der Schuhmachermeister hat bei einem von 16.000 auf 3000 Euro geschrumpften Monatsumsatz (bei über 70 Stunden Arbeit in der Woche) kaum noch Einnahmen, muss aber drei Lehrlinge und einen auf Kurzarbeit gesetzten Halbtagsgesellen bezahlen. Dazu knapp 1000 Euro Miete.

Sein Auto und das seiner Tochter, die über die Firma liefen, hat der 55-Jährige schon verkauft, seine Lebensversicherung und seine Betriebsrente ebenfalls. Dennoch knirscht es: „Mein Stromversorger will mir die Leitung Ende Februar abklemmen, und die AOK droht mit einem Insolvenzverfahren, wenn ich die ausstehenden 3000 Euro Krankenkassenbeiträge für meine Mitarbeiter nicht abführe.“

Grafik: Stephanie Scholz
Berlin in der Corona-Krise

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Hilfsgelder hat er bekommen, aber die reichen hinten und vorne nicht: „Im Frühjahr 2020 habe ich einmal 14.000 Euro bekommen, und im Oktober noch einmal 2149 Euro.“ Von dieser zweiten Zahlung gingen aber 649 Euro an den Steuerberater, der den Antrag stellen musste. Der Rest reichte gerade für die Hälfte des Monatslohns für den Gesellen und eine Miete, berichtet Kohlke.

Von der Novemberhilfe ist nach seinen Worten nichts zu erwarten, weil er 3500 Euro außerplanmäßige Einnahmen hatte – eine Reinigung, die ihm als eine Annahmestelle diente, beglich einen Teil ihrer Schulden von 2019.

Für den Dezember erhofft er ebenfalls nichts. Er hatte im ersten Lockdown sein auf Kinderschuhe spezialisiertes Ladengeschäft ein paar Meter neben der Werkstatt von einem Tag auf den anderen schließen müssen. Wegen der Konkurrenz des Onlinehandels wollte er ohnehin dichtmachen, aber jetzt war kein Ausverkauf möglich. „Ich habe zu Hause mit 850 Paar Schuhen gekuschelt“, erklärt Kohlke mit Galgenhumor.

Versuche, die Schuhe über das Internet loszuwerden, verliefen schleppend. Am Ende habe die Bank die Schuhe übernommen, verkaufe sie zusammen mit Insolvenzbeständen anderer Schuhgeschäfte – für acht Euro das Paar bei Einkaufspreisen von bis zu 100 Euro. Der Verkauf seiner Bestände werde ihm jetzt als Einnahme angerechnet.

Für den Januar sieht Kohlke gleichfalls schwarz – wegen der 6500 Euro aus dem Verkauf der beiden Autos.

Von den bis Mitte 2020 zehn Mitarbeitern sind nur noch der Geselle und die Lehrlinge da, seine Mutter hilft im Laden aus: „Die darf ich nicht auf Kurzarbeit setzen, und gleichzeitig ist der Mindestlohn für Auszubildende von 320 auf 530 Euro im Monat gestiegen.“ Bei diesen Worten kocht die Wut im Schuhmacher hoch: „Für einen Lehrling habe ich im Januar 2020 Eingliederungshilfe beantragt, weil ich ihm die Lehrstelle gegeben habe – bewilligt wurde sie im November.“

Jetzt läuft über seine  Bank ein Antrag auf einen Kredit der staatlichen KfW über mehrere zehntausend Euro– aber das kann dauern: „Ich muss die Umsätze von 2018, 2019 und 2020 vorlegen, und das erste, was ich zu hören bekam, war, dass mein Ausweis abgelaufen sei. Da wundere ich mich schon, woher die Bank das weiß.“

In seiner Not wird er in der kommenden Woche sein Haus verkaufen. „Zum Glück will der Käufer für meine 81 Jahre alten Mutter Christa ein Nießbrauchsrecht einräumen. So lange sie lebt, kann ich im Haus bleiben.“

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