Schwielowsee - Der Weg führt um die alte Dorfkirche von Geltow herum. Am Ufer entlang, über hölzerne Planken, mitten durchs Schilf, das sich plötzlich zum Ufer hin öffnet und den Blick freigibt auf den See.

Nahe am Wasser wirkt hier alles so, wie vor mehr als 100 Jahren: die Wälder, der alte Holzkahn am Steg, die blaue glatte Fläche des Sees, die sich ausbreitet bis zu dem schmalen grünen Uferstreifen am Horizont.

RBB-App „Fontane“: Auf den Spuren des Dichters

All dies hat auch Theodor Fontane in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ beschrieben: die winzigen windschiefen Häuser von Alt-Geltow, die Kirche, den Friedhof, die Havel, die hier zum Schwielowsee wird. Nur das Stahltor zum hölzernen Steg zeigt, dass die Zeit inzwischen weiter gelaufen ist.

Der stille, sonnige Fleck am Ufer ist ein guter Platz, um sich anzuhören, was der Dichter hier vor mehr als 140 Jahren erlebt hat. Möglich macht das eine App, die der Sender RBB herausgebracht hat. Sie trägt den schlichten Titel „Fontane“ und lädt dazu ein, sich im Wortsinne auf die Spuren des Dichters zu begeben.

Wer auf dem Handy nach „Effi Briest“ oder „Jenny Treibel“ sucht, kann so virtuell per App an ihre Schicksalsorte reisen und findet kleine Filme und Erläuterungen.

Abgeschlossenheit und Weitblick

Man kann sich aber auch ganz physisch auf den Weg machen und den verschiedenen Routen per Rad oder zu Fuß folgen, die durch Fontanes Mark führen und damit an jene Orte, die dem Dichter bedeutsam waren.

Durch Fontanes Geburtsstadt Neuruppin etwa führt die App, zur Löwen-Apotheke, die den Eltern gehörte. Oder es geht zum Fontane-Denkmal, das nach dem Tod des Autors eingeweiht wurde – und für das sein Sohn Modell saß.

Ich bin auf einem Weg unterwegs, der südwestlich von Potsdam am Schwielowsee entlang führt. Dort erreichen Wanderer und Radler auch Geltow, wo Fontane begeistert Rast machte. Ich sitze am Ufer vor dem Restaurant „Baumgartenbrück“ und höre, was der Autor einst schrieb: „Es vereinigt sich hier alles, was einem Besuchsorte zu Zierde und Empfehlung gereichen kann: Stille und Leben, Abgeschlossenheit und Weitblick, ein landschaftliches Bild ersten Ranges und eine vorzügliche Verpflegung.“

Es ist kurz nach zwölf, der Restaurantgarten vor dem 270 Jahre alten Backsteinhaus hat gerade erst geöffnet. Die freundliche Bedienung wischt noch schnell etwas Vogeldreck von der Ecke des Tisches.

Dichter Theodor Fontane neigte zur Übertreibung

Es ist Fontane-Jahr – und in Berlin und Brandenburg ist es nur schwer möglich, all den Würdigungen, Ausstellungen, Neuerscheinungen und Wiederveröffentlichungen zu entgehen, die das gesamte Jahr begleiten, bevor am 30. Dezember Fontanes Geburtstag zum 200. Mal gefeiert wird. Es gibt so viel zu entdecken, zu lesen, zu besuchen oder – wie in diesem Fall – zu hören und zu sehen.

Das Gasthaus Baumgartenbrück nannte Fontane einst eine „Brühlsche Terrasse“ am Schwielowsee. Das war gewiss schon damals übertrieben, am 13. Juli 1869, als Fontane hier einkehrte. Aber schön ist es allemal – im Garten unter den Bäumen, mit Blick auf den See.

Seit 1826 ist das Haus in Familienbesitz. Gottfried Eduard Herrmann, Ur-ur-Großvater des heutigen Inhabers Frank Herrmann, muss Fontane persönlich bedient haben. „Herr Herrmann, ein mittlerer Fünfziger, Pfeffer und Salz Haar, Glatze, Brille, hochrot, ein vorzüglicher Wirt mit der Borstigkeit des guten Gewissens“, notierte der Dichter damals.

Eine Wanderung zu Fuß dauert 40 Minuten

Auf einem in einer kleinen Vitrine im Gasthof ausgestellten Faksimile der Notiz kann man das lesen – auch Bilder von Dichter und Wirt sind zu sehen. Zu essen – so verrät die App – gab es Bohneneintopf. Der ist inzwischen von der Karte verschwunden, aber der Cappuccino schmeckt auch sehr gut.

Nur der Auto-Lärm von der nahen Bundesstraße stört die Idylle, und man wünscht sich den Verkehr, den Fontane beschreibt; die Havelkähne, die heranschwimmen „in ganzen Geschwadern, und zwischen ihnen hindurch gleitet von Werder her der obstbeladene Dampfer.“

Bis Caputh dauert die Wanderung 40 Minuten, wer dasfWanderun Rad nimmt, braucht nur eine Viertelstunde. Die Wartezeit an der Fähre, die über die Havel führt, ist bereits eingerechnet.

Theodor Fontane über Caputh: „Chicago des Schwielowsees“

In seinen Wanderungen bezeichnet Fontane Caputh als „das Chicago des Schwielowsees“. Der Dichter neigt zur Übertreibung – auch hier in diesem verschlafenen Städtchen, das in der Frühlingssonne döst. Was Fontane meinte, ist der Aufstieg Capuths im 19. Jahrhundert zum Hauptumschlagplatz havelländischer Ziegel für den Transport per Schiff nach Berlin, was dem Ort Wohlstand und Beachtung brachte – so wie einst dem Handelsposten Chicago.

Auch das Schloss selbst hat Fontane ausführlich beschrieben – hier wiederum teilt er den Enthusiasmus der „Caputhschen“ nur zurückhaltend, wie ein kurzer Film der App verrät. „Dies Herrenhaus führt den Namen ,Schloß’ und trotz bescheidener Dimensionen immer noch mit einem gewissen Recht, wenigstens seiner inneren Einrichtung nach“, liest eine Stimme, während des Spaziergangs durch den Park. „Man geht in der Mark etwas verschwenderisch mit diesem Namen um …“

Hineinträumen in die Großzeit der Brandenburger Macht

Schloss oder nicht, das Innere ist an diesem Tag leider nicht zu besichtigen, dafür zeigt der Film die prächtigen Decken- und Wandgemälde, und ich kann mich hineinträumen in die Großzeit der Brandenburger Macht.

Noch schöner aber ist es, noch einmal zum Wasser hinunter zu gehen, bevor der Rückweg durch den Wald Richtung Potsdam führt. Hinunter zum Schwielowsee, dem Gutmütigen, wie Fontane schrieb: „Er hält es mit leben und leben lassen; er haßt weder die Menschen noch das Gebild aus Menschenhand; er ist das Kind einer andern Zeit und der Christengott pochte vielleicht schon an die Tore, als er ins Dasein trat.“

An einem Tag wie diesem glaubt man dem Dichter aufs Wort.