„Breiter kommen wir weiter!“ – unter diesem Motto haben sich am Sonnabend Tausende Menschen zur 21. Hanfparade seit 1997 in Berlin getroffen. Sie zogen zum Gesundheitsministerium und zum Roten Rathaus. Auf ihren Plakaten stand: „Rettet die Wälder – Cannabis auf die Felder“ oder „Hanf statt Hass“.

Die Parade fand in diesem Jahr in einer veränderten Situation statt. Erstmals können Ärzte in Deutschland per Bundesgesetz Cannabis legal als Medizin verschreiben. Zuvor war sogenanntes Medizinalcannabis nur per Ausnahmegenehmigung des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm) ausgegeben worden – an bundesweit etwa 1000 Schwerkranke. Seit das neue Gesetz im März 2017 in Kraft trat, gingen bei den Krankenkassen Tausende Anträge ein.

Bedarfsdeckung ab September

In Berlin berichteten Patienten über ihre Erfahrungen. „Die meisten sind sehr unglücklich“, sagte Martin Steldinger, Sprecher der Hanfparade. Es gibt Versorgungsengpässe, und nur etwa die Hälfte der Anträge wird von den Kassen genehmigt. Die Begründung lautet oft, dass eine allgemein anerkannte Leistung nach medizinischem Standard nicht bestehe.

Die Kosten von Medizinalcannabis – getrocknet oder als Extrakt – sind hoch. Sie betrügen pro Gramm etwa 22 Euro, teilt der Deutsche Hanfverband mit. Patienten bräuchten etwa 0,5 bis 5 Gramm pro Tag. Eine Monatsration koste also bis zu 3000 Euro. Hinzu kommt, dass die Apotheken den gewachsenen Bedarf nicht decken können. Ein Berliner Apotheker erzählt, dass er in drei Monaten so viel Cannabis ausgegeben habe wie im ganzen Jahr 2016. Erst 2019 soll Cannabis auch in Deutschland hergestellt werden. Dafür wurden jüngst vom Bfarm-Institut Anbaulizenzen ausgeschrieben. Bis dahin kommt das Cannabis aus den Niederlanden und Kanada. Die dortigen Hersteller sind überlastet.

Doch die Situation soll besser werden. Wie der größte deutsche Importeur – die Berliner Firma Pedanios – mitteilt, sei in Kanada eine weitere Quelle erschlossen worden, „so dass wir ab Anfang September wirklich den gesamten Bedarf, der in der Bundesrepublik Deutschland nach Medizinalcannabis-Blüten herrscht, bedienen können“, sagte Patrick Hoffmann von Pedanios der Berliner Abendschau. Die Firma beliefert bundesweit 1300 Apotheken. Bereits im Mai wurde bekannt, dass das kanadische Unternehmen Aurora Cannabis sämtliche Anteile von Pedanios gekauft hat.

Auf der Hanfparade wurde auch eine generelle Freigabe von Hanf für Erwachsene gefordert. Dafür gibt es – anders als etwa in Kanada, das diesen Schritt jetzt gehen will – keine politischen Mehrheiten in Deutschland. Doch die rot-rot-grüne Koalition in Berlin hat die Weichen hin zu einer liberaleren Drogenpolitik gestellt. Unter anderem soll es keine Null-Toleranz-Zonen für den Besitz von Cannabis in der Stadt mehr geben. Berlin gehört zu den Ländern, die die Menge, deren Besitz keine strafrechtliche Verfolgung nach sich zieht, großzügiger ansetzen als andere. Die Grenze liegt bei 10 bis 15 Gramm, in Brandenburg bei 6 Gramm.

Erst im Juli hat der Senat verkündet, dass Berlin gemeinsam mit Bremen und Thüringen im Bundesrat einen Antrag stellen werde. Mit dieser Bundesratsinitiative soll erreicht werden, dass künftig in ganz Deutschland legale Modellversuche „zur kontrollierten Abgabe von Cannabis an Erwachsene“ möglich sind. Erst 2015 war der Antrag für einen solchen Versuch – gestellt vom Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg unter Monika Herrmann – vom Bfarm-Institut abgelehnt worden. Berlin plant für das Projekt im Doppelhaushalt 2018/19 etwa 256.500 Euro ein, wie ein Sprecher der Gesundheitssenatorin Dilek Kolat (SPD) auf Anfrage sagt.

Prävention hat Vorrang

„Für mich hat die Prävention beim Thema ganz klar Vorrang“, erklärt Dilek Kolat. Studien zufolge haben 17,2 Prozent der 15- bis 17-Jährigen Erfahrung mit Cannabis, bei den 18- bis 24-Jährigen sind es 46,4 Prozent. Verbote und Strafen hätten sich bei der Prävention nicht bewährt, heißt es im Koalitionsvertrag. Der wissenschaftlich begleitete Modellversuch soll nun Erkenntnisse darüber bringen, „ob eine Freigabe von Cannabis den Drogenkonsum fördert oder eher positive Auswirkungen hat“, so die Senatorin.

Erst dann wird man auch überlegen können, an welchen Orten eine Ausgabe erfolgen soll. Vielleicht hat ja auch Berlin irgendwann seine eigenen Coffeeshops.