Harmonie, Schmerz und das typische Surren: Die Tattoo-Messe Berlin ist wieder da

Dieses Wochenende öffnet eine der wichtigsten Messen der Branche: In der Arena Treptow tätowieren Künstler aus aller Welt Bilder für die Ewigkeit.

30. Tattoo Convention Berlin in der Arena-Treptow.
30. Tattoo Convention Berlin in der Arena-Treptow.Berliner Zeitung/Markus Wächter

Für die meisten Menschen ist es ein vertrautes Geräusch, für manche ist es gewöhnungsbedürftig: Das Surren der Tattoo-Nadeln, die unter die Haut gehen und dort Farbe hinterlassen, die bei den meisten bis zum Ende des Lebens dort bleiben wird. Kleinen, minimalistischen Designs, manchmal mit größeren Bildern, riesige Muster auf dem ganzen Oberschenkel. In diesem Jahr fällt auf, dass viele bunte Farben zu sehen sind; neue Tattoos erscheinen in Türkis, Rosa und Rot. An einigen Ständen stehen Schilder, die auch freie Termine anzeigen: Aber die sind ganz wenig.

Der Franzose Romain Vaucher, bekannt in der Tattoo-Welt unter seinen Künstlername Minim, stellt zum ersten Mal auf der Convention aus. „Was Tattoo-Conventions betrifft, ist Berlin der Höhepunkt in Europa“, sagt er. „Diese Convention gehört auf jeden Fall zu den zehn besten der ganzen Welt.“ Zwölf Stunden sei er aus Lyon gereist, um hier seine Kunst zu präsentieren – er beschreibt seinen Stil als „abstrakt“, sein Fokus sind „dekonstruierte Designs“ mit Inspiration von Ornamenten und aus der Natur.

Die Berliner Tattoo-Convention konnte zwei Jahre pandemiebedingt nicht stattfinden. In diesem Jahr gibt es auf dem Gelände der Arena Infostände zu Piercings, Branding und Tattoos und eine Bühne mit Musik und Live-Performances – darunter Magneto und Rolf Buchholz, die meisttätowierten bzw. meistgepiercten Männer der Welt, sowie eine Zaubershow. Mehr als 350 Tattoo-Künstlerinnen und Künstler zeigen ihre Arbeiten. 

Berliner Zeitung/Markus Wächter

Minim hat noch einen Termin frei. Aber er hofft, er kommt auch dazu, die Stadt etwas zu sehen. Er hat vor 10 Jahren in Berlin gelebt und studiert. Außerdem bieten solche Veranstaltungen für Künstler wie ihn eine gute Möglichkeit, neue Kunden zu finden und sich mit Kollegen zu vernetzen. Tattoo-Künstler sind fast jedes Wochenende auf solchen Conventions unterwegs und haben viele Freunde aus der Branche. Es gilt der Richtwert: Je größer die Convention, desto höher das Niveau. Berlin spielt ganz vorn mit. 

Am Ende des Wochenendes wird die Tattoo Queen der Convention gekrönt – schon vor der Convention konnten Tattoo-Fans sich bewerben für den Titel des „Schönsten Tattoos in Berlin“. Die Besucher können auch an allerlei Wettbewerbskategorien teilnehmen – etwa wie Asian, Black and White, oder Realistic.

Der 36-jährige Nico aus Brandenburg will in der Wettbewerbskategorie „Crazy“ punkten – und zwar an seinen beiden Pobacken. Auf der linken Seite steht ein Exkrementenhaufen, auf der rechten Seite ein Hahn, der schockiert auf den Haufen blickt. „Da ist einfach so eine friedliche Stimmung hier“, sagt er. „Harmonie, Schmerz und Glücksgefühle.“ Nico ist extra für die Convention angereist, sein rechter Unterarm ist schon in Folie eingewickelt – um 17 Uhr wird er mit dem Design, das unter der Folie liegt, tätowiert. Das Motiv zeigt zwei Hodensäcke im Zeichentrickstil, die Flügel wie Biene haben und sich gegenseitig angreifen.

Durch Tattoo-Conventions entsteht eine Art Community

Bei Claudia Bonatz aus Marzahn ist auf jeden Fall das Glück größer als das Schmerz: Sie hat sich gerade am rechten Arm spontan tätowieren lassen – mit einem Lotusblütenmotiv. Wehgetan hat es gar nicht, sagt sie. Das Design hat ihr einfach gefallen – aber bei ihrem letzten Besuch der Convention 2019 kam sie mit einem frisch gestochenem Lebensbaum am linken Arm weg. „Auf diesen Arm stehen ganz viele Symbole, die eine große Bedeutung für mich in meinem Leben haben“, sagt sie. Neben dem Baum steht einen Sanduhr mit der Zahl 2010; das sei ein Stück in Erinnerung an ihren Vater, sagt die 48-Jährige.

Convention-Besucherin Claudia Bonatz und ihr frisch genadelter Tattoo.
Convention-Besucherin Claudia Bonatz und ihr frisch genadelter Tattoo.Berliner Zeitung/Elizabeth Rushton

Schon damals im Jahr 2019 fühlte sie sich sofort wie unter Gleichgesinnten. „Ich hatte immer Interesse an Tattoos“, sagt sie, „habe aber damals die Plakate gesehen und bin einfach vorbeigekommen.“ Es hat für sie eine Tür geöffnet in eine neue Community mit alternativem Stil – sie wusste, sie müsste in diesem Jahr zurückkommen. „Heute will ich nur noch so rumschauen, auf den Schmuck, auch auf die Tattoocremes“, sagt sie – unter den Piercing und Tattoo-Ständen sind auch Marken für vegane und stilvoll verpackten Pflegeprodukte für Tattoos. Claudia Bonatz lächelt und sagt: „Auch wenn ich schon einen vollen Schrank davon zuhause habe.“