Am Weinachten werden in Deutschland 145 Millionen Schoko-Weihnachtsmänner hergestellt, eine Strecke von 14 500 Kilometern.
Foto: imago images / Sabine Gudathimago 

BerlinIch habe meinen alten Schulkumpel im Einkaufszentrum getroffen. Er war gerade dabei, sich in die Vorweihnachtszeit einzuschwingen, sprich: in die stressigste Zeit des Jahres. „Wir ham uns ja jeschworn, uns dieset Jahr nüscht zu schenken“, sagte er. „Aba weeßte, wat dit fürn Stress ist, dit allet zusammenzusuchen?“ Ja, stimmt. Auch bei uns türmt sich am Ende immer viel Nichts unter dem Tannenbaum.

Auf Absprachen kann man sich ja nicht verlassen. Schenk ich dir nichts, schenkst du mir nichts – das funktioniert nicht. Der eine hat im Laden dann doch noch was für den anderen entdeckt. Natürlich war er unzurechnungsfähig, betäubt von irrem Rudy-Red-Nose-Gedudel und Geglitzer. Der andere hat davon gehört und kauft ebenfalls etwas ein – aus Rache! Das Ganze schaukelt sich hoch.

„Und dann die Fresserei“, sagt mein alter Schulkumpel. „Wie soll ick da mein Intervallfasten durchhalten? Ick will doch endlich meen Bauch loswerden.“ Stimmt, ich ja auch. Leider aber lauern an jeder Ecke Überfallkommandos mit Crêpes, gebrannte Mandeln und süß-klebrigem Glühwein.

Rekordwahn zum Jahresende

Und alle Welt wird auch noch mal so richtig hyperaktiv, muss Geld ausgeben, auf den Weihnachtsmarkt rennen, feiern, machen und tun. Die Bahnen sind knüppeldickevoll. Sogar das Bundeswehr-Wachbataillon steht in langen Mänteln und mit Barett am Bahnhof und klappert mit Sammelbüchsen. „Wozu?“, fragt mein Kumpel. „Die sammeln wohl für’n U-Boot. Wahrscheinlich zum Abtauchen vor dem janzen Chaos!“

Diese allerletzte Strecke des Jahres ist auch von wildem Rekordwahn gezeichnet. Ich habe gelesen: Die Deutschen stellen jedes Jahr 30 Millionen Weihnachtsbäume auf. 12.000 Bäume und Adventskränze gehen in Flammen auf – tatütata. 145 Millionen Schoko-Weihnachtsmänner werden hergestellt, allein in Deutschland. Mein Schulkumpel und ich berechnen: Wenn jeder Schokomann nur zehn Zentimeter groß ist, ergeben die Figuren aneinandergelegt eine Strecke von 14.500 Kilometern – von London bis nach Perth in Australien. Ein 17-stündiger Flug vorbei an Schokoladenmännchen. Eine Horror-Vorstellung!

„Ein-Strophen-Nation“

Und dann die Festvorbereitung selbst! Bei uns zu Hause wird zu Weihnachten zum Beispiel viel gesungen. Nun hat sich meine große Tochter gewünscht, dass ich meinem jüngst geborenen Enkelchen eine kleine CD mit Liedern einspiele. Für später, zum Einschlafen.

Bei der Suche nach Liedern ist mir klar geworden, warum wir Deutschen als „Ein-Strophen-Nation“ gelten, also meist nur die erste Strophe singen. Oft nämlich sind die weiteren Strophen kompliziert, religiös überhöht, oder das Lied zieht sich ewig hin. Mitunter ist man beim Singen auch nur eine Strophe von der schwarzen Pädagogik entfernt.

Da braucht man gar nicht erst den „Struwwelpeter“ zu bemühen mit seinen lichterloh brennenden Paulinchens, seinen durch die Luft fliegenden Roberts und seinen Konrads, denen die Daumen abgeschnitten werden. Nein, da reicht ein ganz harmloses Liedchen, wie „Schlaf, Kindlein, schlaf“. Im Urtext heißt es hier: „Schlaf, Kindlein, schlaf,/ Und blök nicht wie ein Schaf,/ Sonst kommt des Schäfers Hündelein/ Und beißt mein böses Kindelein,/ Schlaf, Kindlein, schlaf.“

Nein, so was werde ich meiner kleinen Enkelin nicht vorsingen.

Weihnachtstipp:

Torsten Harmsen: Der Mond ist ein Berliner. Wunderliches aus dem Hauptstadt-Kaff, be.bra Verlag, Berlin 2019. 224 S., 14 Euro.