Tasse runtergefallen? Statt sich zu ärgern, kann man hier mit Ironie reagieren: „Jetz muss ick noch dreißich Tassen runterwerfen, dann ist die Gravitations-Testreihe abjeschlossen.“
Foto: imago images/Photocase

BerlinZugegeben, im Homeoffice ist es bequemer als im Büro. Man kann im Schlafanzug am Computer sitzen, in der Nase popeln, wie ein Löwe niesen oder sich nebenbei die Fußnägel schneiden. Am Ende macht man das alles nicht, weil man knallhart durcharbeiten muss.

Vor allem aber: Man ist allein. Ich merke erst jetzt, wie sehr ich an meine Kollegen gewöhnt bin. An meinen Chef zum Beispiel. Er hat eine herrliche Art, mir zu zeigen, wie wichtig ich bin. Wenn ich ins Haus komme, ruft er schon: „Rate mal, wer nach dir gefragt hat?“ – „Wer denn?“, frage ich neugierig – und er darauf: „Keiner!“ Manchmal stellt er sich neben mich und sagt: „Wenn ich du wäre, dann wäre ich total gerne ich.“ Wenn der Redaktionsschluss naht, ruft er: „Lass dich nicht hetzen, beeil dich einfach!“ Und wenn ich was Gutes geschrieben habe, lobt er mich: „Ich finde, du machst das gut. Ich weiß nicht, was die andern immer alle haben.“

Natürlich ist das alles Spaß. Wir verstehen uns wunderbar. Manchmal bewerfe ich ihn mit Papierkügelchen. Obwohl er aus Norddeutschland kommt, hat er die typische Berliner Art, Dinge ironisch zu verdrehen. Die Ironie, so schrieb einst der Dichter Heinrich Heine, sei „eine Erfindung der Berliner, der klügsten Leute von der Welt, die sich sehr ärgerten, dass sie zu spät auf die Welt gekommen sind, um das Pulver erfinden zu können“. Mit der genialen Erfindung der Ironie könne man jede Dummheit „gleichsam ungeschehen machen und sogar in Weisheit umgestalten“.

„Ha, ick wollte bloß mal kieken, ob ihr ooch uffpasst“, sagt man zum Beispiel, wenn man gerade größten Blödsinn erzählt hat und deshalb zur Rede gestellt wird. Wenn einem in der Küche die Tasse runterfällt und einen Sprung bekommt, ruft man begeistert: „Jetz muss ick noch dreißich Tassen runterwerfen, dann ist die Gravitations-Testreihe abjeschlossen. Der Nobelpreis ruft!“

Immer wieder staune ich, dass es Leute zu geben scheint, die gar keine Ironie kennen. Eine Bekannte zum Beispiel hat bei Facebook ein Foto gepostet, auf dem Kondensstreifen von Flugzeugen zu sehen sind. Sie schrieb: „Kondensstreifen? Wohl kaum. Chemtrails!“ Ha, dachte ich, wunderbar! Die Bekannte hat einen Sinn für Ironie. Sie macht sich über jene Verschwörungstheoretiker lustig, die tatsächlich glauben, dass die vielen Flugzeuge am Himmel Chemikalienstreifen mit Giften hinterlassen, um am Boden die Bevölkerung zu dezimieren. Im Auftrag fremder Mächte. Auf so was kann man doch nur mit Ironie reagieren.

Es stellte sich allerdings heraus: Die Bekannte glaubte das wirklich. Sie meinte es nicht ironisch. Und sie war auch rationalen Überlegungen gegenüber nicht aufgeschlossen. Im Gegenteil. Es kam zum Krach. Ich hatte eine Bekannte weniger. Zu meinem Chef kann ich allerdings immer gehen und sagen: „Du, ich hau ab. Muss noch ein paar Chemtrail-Einsätze fliegen!“ Er würde antworten: „Dann mach auch gleich noch ein paar Fotos zum Beweis dafür, dass die Erde eine Scheibe ist! Tschüüüß!“