Der Frühling ist meine liebste Jahreszeit. Alles beginnt neu, grünt, fädelt sich aus dem Boden. Aber nicht nur ich liebe den Frühling. Auch die Berliner Wildkaninchen tun es. Sie mögen vor allem die Ostertage, in denen sie möglichst oft über den Rasen hoppeln. Denn dann hören sie vorbeiziehende Kinder rufen: „Guck mal, ein Osterhase! Oh, wie süüüß. Ein Osterhäschen. Guck doch mal!“

„Leute, ick finds nur fair, wenn die kleenen Menschenkinder so wat rufen“, erklärte das Ur-Berliner Oberkarnickel jüngst bei der Vollversammlung in der Hoppelheide, „die ham dit Herz noch uffm rechten Fleck. Die wissen jenau: Wir Stadtkarnickel sind die echten Osterhasen und nich dit faule Feldhasenjesocks da draußen uffm Lande.“ Tausend Kaninchen trommelten begeistert auf den Boden.

„Doch wat muss ick lesen von so ’nem Menschen-Schreiberling, wat leider keen Kind mehr is?“ Das Oberkarnkickel zog eine zerknüllte Zeitung hervor. „Hier steht’s: Wir Kaninchen seien die kleinen Verwandten der stolzen Hasen. Blödsinn! Die Hasen und stolz! Da kann ick ja nur kichern.“ Tausend Kaninchen purzelten vor Lachen durcheinander.

„Müssta euch mal ankieken uff Hoppelnet!“

„Jut, die komischen Feldhasen sollen etwas kräftiger sein und längere Löffel ham. Aber wat machen die den janzen Tach? Wer buddelt denn die tollsten Baue, die jemütlichsten Wohnkessel, die längsten Jänge? Also der Feldhase nich! Der kennt jar keen Bau und ooch keen Kollektiv. Der hockt alleene in seiner Kuhle. Wir aber? Wir sind die Helden der Stadt. Über uns ham se sojar mal een Film jemacht. Müssta euch mal ankieken uff Hoppelnet!“

Stimmt tatsächlich. „Mauerhase“ heißt der Dokumentarfilm, der 2010 sogar für den Oscar nominiert wurde. Er beschreibt, wie während der Berliner Teilung auf den Brachen des Mauerstreifens, etwa dem Potsdamer Platz, wahre Wildkaninchenparadiese entstanden. Zehntausende Tiere hoppelten umher. Sie glaubten, dass die Mauer nur zu ihrer Sicherheit gebaut worden war.

„Doch wat is seitdem passiert?“, rief das Oberkarnickel in die Runde, „im Stich jelassen ham se uns. Die Mauer is weg. Allet ham se zujeklotzt, Betong uff Betong, Wejeplatten, hässliche Monsterwürfel. Unser schönes Reich is verschwunden. Neue Plätze mussten wa uns erobern: im Park, uffn Friedhof. Die komischen Menschenjärtner mit ihre Jartenzwerge mögen uns jar nich. Die jagen uns. Undank is der Welt Lohn, kann ick nur saaren.“ Tausend Kaninchen wackelten mit den Löffeln und seufzten.

„Ick weeß ooch nich jenau, wat wir mit die Ostereier zu tun ham“

„Dabei warn wir es jewesen, die lauter Nachwuchs für diese lendenlahme Stadt produziert ham. Jedes Karnickelinchen hat sich mehrmals im Jahr voll anjestrengt. Fuffzich Junge pro Jahr – dit muss man uns erst mal nachmachen. ,Neues Leben im Todesstreifen’ – so könnte der große historische Kinofilm über uns heißen, Regie: Florian Hoppel von Donnerstach.“ Tausend Kaninchen trommelten zustimmend auf den Boden.

„Trotz all dem Undank: Wenigstens die kleenen Menschenkinder ham uns heute mal lieb. Okay, ick weeß ooch nich jenau, wat wir mit die Ostereier zu tun ham. Irgendwann hat eena inne Welt jesetzt, dass wir Hoppler die Eier bringen und nich dit doofe Huhn, der Fuchs, der Kuckuck oder der Storch. Ick wehr mir natürlich nich, wenn jemand Osterhase zu mir sacht. Unsere Köttel sehen ja aus wie kleene Schoko-Ostereier.“ Tausend Hasen jubelten und begannen massenhaft kleine Köttel zu produzieren. Schließlich mussten viele Nester gefüllt werden in dieser Stadt.