Was haben die Leute auf der Straße alles schon erlebt, und was werden sie noch erleben? Berlin in den 1920er-Jahren.
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BerlinEin Freund hat mir ein Youtube-Video geschickt, in dem ein junger Mann Erstaunliches erzählt. „Stell dir für einen Moment vor, du wärst im Jahr 1900 geboren“, beginnt er. Und dann schildert er in etwa zwei Minuten das Leben eines solchen Menschen: Mit 14 Jahren Erster Weltkrieg, mit 18 Jahren Pandemie der Spanischen Grippe, mit 29 Weltwirtschaftskrise, mit 33 Jahren Naziherrschaft, mit 39 Jahren Zweiter Weltkrieg, mit 45 Jahren ein Leben in Trümmern und Elend - wenn man bis dahin überhaupt überlebt hat. 

Das Video soll jüngeren Leuten erklären, dass doch die Einschränkungen der Corona-Pandemie (die Masken!) gar nicht so schlimm seien, verglichen mit dem, was damals geschah. Die Menschen von einst hätten viel schlimmere Zeiten überstanden „und niemals ihre Lebensfreude verloren“. Letzteres möchte ich ein bisschen bezweifeln. Viele haben durchaus ihre Lebensfreude verloren. Und viele auch die Grundlage dafür: das Leben.

Da fällt mir ein: Die meisten, die heute leben, haben ja nie jemanden kennengelernt, der um das Jahr 1900 auf die Welt kam. Ich schon. Mein Opa, 1904 in Köpenick geboren, hat mir viel aus seinem Leben erzählt. Er war zum Beispiel 1918 Laufjunge auf dem alten Flugplatz in Johannisthal. Viel später war er Wagenwäscher und Straßenbahnschaffner in Köpenick. Mit 37 Jahren - längst Familienpapa - musste er in den Krieg gegen die Sowjetunion ziehen. Erst mit 43 Jahren kam er aus russischer Gefangenschaft zurück, krank und aufgedunsen. Er war ein Glückspilz. Denn jeder dritte Kriegsgefangene kehrte nie zurück.

Ich liebte meinen Opa sehr. Er brachte mir schöne Sprüche und Wendungen bei, wie: "Übermut is selten jut!" - „Mit Jeduld und Spucke fängt man eene Mucke!“ oder: "Spinn weita, der Faden is jut!" Angst hieß bei ihm Pupenjang. Und er hatte nicht wenig Angstvolles erlebt, wie ich erfuhr, als ich nach seinem Tode seine Briefe und Erinnerungen las, die in Sütterlin geschrieben waren. 

Ich las zum Beispiel, dass er viele Jahre seiner Jugendzeit als Zögling einer strengen kirchlichen Anstalt verbringen musste, irgendwo im Norden, bei Stettin. Denn er war in der Nachkriegszeit "auf die schiefe Bahn" geraten, wie wohl viele Jungen seines Alters. An den Anstaltswänden hingen Bilder von Jesus, Martin Luther und Kaiser Wilhelm, der schon längst nicht mehr regierte. Die Aufseher herrschten mit Strafen und Schlägen. Gearbeitet wurde auf dem Feld. Erst mit 21 Jahren - zur Volljährigkeit - wurde mein Opa entlassen. Dies war nur eine Episode seines langen Lebens.

Wenn ich als Jugendlicher von der Geschichte faselte, wie ich sie so aus Schulbüchern kannte, dann sagte er: „Pass uff, meen Kleena, eines Taares wirste wissen, dass allet janz anders war, als man dir erzählt.“ Stimmt, was man selbst erlebt hat, ist immer anders, als es in den Geschichtsbüchern steht.