Neulich erhielt ich beim Bezahlen im Supermarkt einen Zehn-Euro-Schein zurück, auf den jemand mit Kuli etwas Seltsames geschrieben hatte, nämlich: „Agram“. Zu Hause sagte ich zu meiner Frau: „Du guckst doch immer Geheimdienstfilme. Könnte das hier ein Code für irgendwas sein?“ – „Könnte durchaus“, sagte sie, „es ist vielleicht ein Name rückwärts: Marga. Oder es ist ein verschlüsselter Hinweis.“ – „Ich kenne nur Wagram“, sagte ich. „Da hat Napoleon mal ’ne Schlacht gewonnen.“ – „Sehr naheliegend“, sagte meine Frau ironisch.

Ich rief meinen alten Schulkumpel an: „Sagt dir der Name Agram was?“ – „Ick kenne nur Sto Gramm“, sagte er, „’ne Pulle Wodka, und denn imma rin!“ – „Klar“, sagte ich. „Danke für die Hilfe.“ Meiner Frau fiel noch ein, dass es eine Abkürzung sein könnte. Wir probierten es mal: „Am Gendarmenmarkt riecht alles mau?“ – „Auf grünem Rasen aasen Monster?“ Nee, nicht überzeugend.

Also guckte ich ins Internet. Tatsächlich fand ich Agram, und zwar als alten deutschen Namen von Zagreb, der Hauptstadt Kroatiens. Heute benutzt ihn kaum jemand mehr. Hatte also irgendwer davon gehört und auf den Schein geschrieben, um es sich zu merken?

„Der Prinz von Hambotscha“

Mit Namen ist das ja generell so eine Sache. Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich als Kind bei meinem Opa saß und malte. Nebenbei lief das Radio. Plötzlich ging es um einen Mann, dessen Name sich sehr exotisch anhörte. Ich zeichnete ihn mit langem Mantel, Krone und Zepter und nannte das Bild „Der Prinz von Hambotscha“. Später erfuhr ich, dass das geheimnisvolle Land Kambodscha hieß, bald darauf Kampuchea, jetzt wieder Kambodscha.

Die Geschichte von Ländern, Städten und Straßen kann man sehr gut anhand von Umbenennungen nachvollziehen. Vor allem auch in Berlin. Meine Frau wuchs zum Beispiel in Lichtenberg in der Ho-Chi-Minh-Straße auf, von uns liebevoll-salopp „die Reisfelder“ genannt, wegen des Bezugs zu Vietnam. Wenn wir aber heute sagen: „Eh, Kinder, fahrt doch mal wieder in die Reisfelder, die Oma besuchen!“, gucken die Kinder doof. Die Straße heißt ja wieder Weißenseer Weg.

Pressburg statt Bratislava

Manchmal bleibt es aber nicht nur beim Doof-Gucken, sondern führt zu diplomatischen Verwicklungen. Zum Beispiel war es 1997 so, als man die Weltzeituhr auf dem Alex sanierte, samt Städtenamen. Leningrad verwandelte man in Sankt Petersburg, Frunse in Bischkek, Alma Ata in Almaty und Bratislava in Pressburg. Letzteres gefiel den Slowaken überhaupt nicht, und sie protestierten. Ohne Erfolg übrigens. Der Name steht heute noch an der Uhr. Was ich ziemlich ignorant finde gegenüber den Einwänden der Slowaken.

Straßenumbenennungen, die ja immer heiße Debatten mit sich bringen, könnte man künftig verhindern, wenn man es so macht wie in dem Müggelheimer Viertel, in dem ein Bekannter wohnt. Dort heißen die kleinen Straßen einfach Weg P, Weg Q, Weg R und Weg U. Anderswo tragen Straßen Nummern. Wenn das überall so wäre, würde auch das umständliche Eintippen komplizierter Straßennamen ins Navi wegfallen, an dem ortsunkundige Taxifahrer nicht selten scheitern. Wie einfach wäre es, zu sagen: „Bitte nach Pankow, Straße 1 A.“ Das Tippen ginge dann ganz schnell.