Na, die Festtage gut überstanden? Das Rumsitzen, Fressen und unablässige Süßigkeiten-Naschen? Dazu die Kinder mit dudelndem elektronischen Spielzeug und Onkel Rudi, der sich ständig laut über Politik aufregt? „Nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von guten Tagen“, sagt meine über 80-jährige Tante immer. Darin steckt viel Weisheit.

„Zauber vom Neuanfang“-Esoterik

Jetzt kann man sich also der Begrüßung des Neuen Jahrs zuwenden. Nein, ich meine nicht die Phase, in der man gefährliche osteuropäische Explosivkörper auf seine Mitmenschen wirft. Ich meine die nette Phase danach. Als ich ein Kind war, machte man noch Neujahrsbesuche, bei denen kleine Glückskleetöpfchen mitgenommen wurden. Drinnen stand ein Schornsteinfeger mit einer Leiter über der Schulter. Oder ein Glückspilz, ein Schweinchen mit Pfennig.

Eine Möglichkeit, solche Besuche zu vermeiden, bot einst an vielen Orten der Erwerb von Neujahrsentschuldigungskarten. Sie kamen im 19. Jahrhundert auf. Man kaufte sie bei der Gemeinde, verbunden mit einer Spende für die Armenkasse, und machte sich damit frei von jeglicher Gratulationspflicht, zumindest was das persönliche Erscheinen betrifft. Es hieß: „Der Besitzer dieser Karte ist von den üblichen Neujahrsbesuchen als entschuldigt erachtet.“

Heute verschickt man – wenn überhaupt – meist ohnehin nur noch digitale Karten. Ich habe mal im Internet nach solchen Neujahrsgrüßen gesucht und fand viel süßlichen Esoterik-Käse mit „Zauber vom Neuanfang“, „so viel Glück wie Wassertropfen im Meer“ und „so viel Liebe wie Sterne am Himmel“. Schnell einen Eimer, ich möchte mich übergeben.

Die Reimwut überfällt viele

Wie viel witziger waren da doch die Kartengrüße vor hundert Jahren. Sie zeigten oftgezeichnete Alltagsszenen. Man sah etwa einen Mann, der krank im Bette liegt. Und drunter stand: „Das Zipperlein hat Dich gar oft am Bandel,/ Ja, Ja, das kommt vom fortgesetzten Lebenswandel./ Prosit Neujahr!“

Zum Jahreswechsel wird ohnehin gern gedichtet: „Das alte Jahr ist morgen futsch. Für Mitternacht ’nen guten Rutsch.“ Sogar Einstein hat einst gereimt: „Wenn’s alte Jahr/ erfolgreich war,/ dann freue/ dich aufs neue./ Und war es schlecht,/ ja dann erst recht.“ Das ist angewandte Relativitätstheorie. Goethe lieferte natürlich die hochweise Gebrauchsanweisung: „Im neuen Jahre Glück und Heil;/ Auf Weh und Wunden gute Salbe!/ Auf groben Klotz ein grober Keil!/ Auf einen Schelmen anderthalbe!“

Anti-Neujahrsgedicht

Auch in mir zuckt die Reimwut. War ja zu erwarten. Und weil die meisten Dichterlinge nur lauter hochweise kluge Tipps zum neuen Jahr parat haben, versuch ich's mal mit Ironie. Ich schreibe ein Anti-Neujahrsgedicht, speziell für den Berliner.

1. Berliner, horch, zum neuen Jahr,/ hab ick’n Tipp: Komm endlich klar/ und lass den Chaos-Be-E-Er/ so wie er is. Mach jar nischt mehr!
2. Vakoof der Deutschen Wohnen gleich/die janze Stadt. Mach se stinkreich!/ Und tauf dann die Karl-Marx-Allee/ schnell um in Mietenhai-Schossee!
3. Tu ooch die U-Bahn schnell vakoofen./ Die Leute wolln am liebsten loofen./ Und tu in nischt mehr investiern,/ dann haste ooch nischt zu valiern.
4. Blas uff am Rande von Berlin/ een' dicken fetten Zeppelin/ und schick die Senatoren-Schar/ weit weg, am besten südpolar.
5. Ansonsten, ej, du dummet Huhn:/ Tu endlich Hochdeutsch reden tun!
Dann habe ich nämlich nichts mehr zu schreiben und kann mich das ganze Jahr lang auf die faule Haut legen.