Heute glauben Kinder kaum mehr an Märchen.
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BerlinIch weiß nicht, was mein Opa an dem Tag machte, an dem ich geboren wurde. Aber ich weiß, was ich gemacht habe, als mein erstes Enkelkind auf die Welt kam. Es ist erst drei Tage her. Als ich in die Redaktion kam, freuten sich die Kollegen: „He, da können wir dich ja ab jetzt Opa nennen!“, riefen sie. „Setz dich, Opa. Nicht dass du dich überanstrengst.“

Mein Chef freute sich auch, aber nur zwei Sekunden lang. Dann gab er mir einen Schreibauftrag, mit dem ich den ganzen Tag zu tun hatte. Nur der Barrista im Café reagierte angemessen: „He, du musst jetzt sofort nach Hause fahren, drei Tage feiern und ein Lamm schlachten!“ Der Mann darf so was sagen. Er kommt aus Marokko. Er gab einen Kaffee aus, und ich ging wieder arbeiten, statt ein Lamm zu schlachten.

Warum ich das erzähle? Na, um der Legendenbildung vorzubeugen! Vielleicht reizt es mich ja irgendwann einmal, etwa ganz Tolles über jenen Tag zu berichten.   Nicht nur, dass ich arbeiten war. Schließlich will meine Enkelin ja auch mal eine spannende Gute-Nacht-Geschichte hören. Also werde ich ihr erzählen: „Weißt du, am Tag deiner Geburt landete gerade ein Drache auf dem Alex. Er spuckte Feuer und wedelte mit seinem Schwanz, sodass alle Leute durcheinanderpurzelten. Opa musste seine Rüstung aus dem Schrank holen und zum Alex fahren, um den Drachen zu besiegen. Deshalb kam er erst etwas später in die Klinik, um dich zu sehen“ – „Opa, gibt’s denn wirklich Drachen?“, wird sie fragen. Und ich werde sagen: „Naja, seitdem nicht mehr.“

Natürlich würde das Kind bald erfahren, dass alles nicht wahr ist. Es muss nur „Drache“ und „Alex“ bei Google eingeben. Eigentlich  schade. Denn dabei geht so viel Phantasie verloren. Nehmen wir nur Grimms Märchen. Sie wären gar nicht erst entstanden, hätte es im Mittelalter schon Internet gegeben. Wer sich lustige Katzenvideos angucken kann, der sitzt nicht mehr am Feuer, um sich Geschichten von Dornröschen und Frau Holle zu erzählen.

Auch historische Ereignisse wären nicht so großartig, hätte man sie einst von allen Seiten mit dem Handy aufgenommen. Nehmen wir nur mal – wahllos herausgegriffen – den Sturm auf die Bastille in Paris 1789. Wie viele französische Opas erzählten einst ihren Enkeln: „Als wir damals die verfluchte Zwingburg des Königs stürmten, war ich der Erste, der durch das Tor lief. Ich habe zwei Wachmänner niedergestreckt, mit der bloßen Faust!“ Heutzutage würden die Enkel auf der Computer-Festplatte einen verwackelten Handy-Film finden, der zeigt: Opa hat damals nur am Rand gestanden, ganz hinten, neben einer Säule, und vor Angst gezittert.

Zurück zu meinem Enkelchen. Als dessen Mama – meine große Tochter – vor 30 Jahren geboren wurde, gab es ebenfalls noch kein Internet und keine Handys. Dass ich Papa geworden war, erfuhr ich beim Anruf in der Klinik. Bei der Geburt dabei sein, Rooming-in und solche Dinge – das gab es damals nicht. In der Klinik sah ich das Baby nur durch die Glasscheibe. Dann fuhr ich in die Redaktion, trank mit den Kollegen Sekt, „damit das Kind immer gut pullern kann“, sauste abends wieder ins Krankenhaus. Zu Hause schrieb ich Geburtsanzeigen. Währenddessen „fiel die Berliner Mauer“, wie es später heißen sollte. Es war der 9. November 1989.

Nein, ich bin nicht aufgesprungen, um zum Kudamm zu fahren und mich dort zu besaufen. Ich war nicht der Erste beim Sturm auf die moderne Bastille. Das ist ganz okay so.