Berlin - Der Mensch wächst mit Dingen auf. Sie verändern sich, verschwinden. Und wenn sich alte Leute irgendwann über die Welt aufregen, die „früher ganz anders war“, meinen sie im Grunde die Vielzahl neuer Dinge, mit denen sie nichts mehr anfangen können. Zugleich klagen sie über das verschwundene Vertraute.

Auch mein Opa, geboren 1904, zeigte mitunter solche Anwandlungen. „Det war noch ’ne richtije Frau!“, schwärmte er einmal, als wir einen Revue-Film aus den 30er-Jahren sahen. Marika Rökk sang und tanzte im langen Kleid. „Heute dajejen renn die Meechen alle mit Jiens umher“, beklagte er sich. „Det sieht übahaupt nich schön aus. Und außerdem jibt et jar keene Jeheimnisse mehr.“ Stimmt! Die Mädchen meiner Generation, aufgewachsen in den 70er-Jahren, trugen alle Jeans. Doch irgendwann kamen die langen Hippie-Wallekleider. Und dann glich sich’s wieder aus.

Viele Jahre sind seitdem vergangen. Nun bin ich selbst in einem Alter, in dem man anfängt, verschwundenen Dingen hinterherzujammern. Viele meiner Altersgefährten tun dies intensiv. Sie seufzen: Hach ja, früher gab es noch Röhrenradios, Kassettenrekorder, Schreibmaschinen, Diaprojektoren, Super-8-Filme, Kohleöfen, Rechenschieber und Telefonzellen. Ach, wie schön war das! Und die neuen Dinge? Lauter überflüssiger Schnickschnack!

Beginnende Serie soll keine nostalgische werden 

Ich sehe es nicht ganz so. Aber mein innerer Berliner – der Typ, der mich ständig begleitet – mischt sich mitunter ungefragt ein. Wenn er etwa sieht, wie erwachsene Touristen in Mitte auf albernen Elektro-Tretrollern herumkurven, dann ätzt er: „Dit letzte Mal, als ick Rolla jefahrn bin, war ick zehn Jahre alt!“ Wenn er liest, dass ein hipper Kaffeeladen „Nitro Coffee“ anbietet (kalt aufgegossen, mit Stickstoff versetzt), dann meckert er: „Wenn ick ’ne Kaffeebude hätte, hätten die Leute nur eene Wahl: ’n Topp Kaffe oder keen Topp Kaffe. Und für die Kinda hätt ick Muckefuck.“

Man müsste mal eine Umfrage unter Leuten machen: Welches ist das erste Ding, an das Sie sich wirklich erinnern können? Gar nicht so einfach. Denn das Früheste verschwindet normalerweise im Unbewussten. So auch bei mir. Ich wurde 1961 im Südosten Berlins geboren, als Siebenmonatskind. Man steckte mich für sechs Wochen – unbesuchbar – in eine Frühchen-Station. Mein Schluck- und Saugreflex war noch nicht entwickelt. Schon peinlich für einen Säugling! Das ist genauso, als könnte ein Bäcker nicht backen und ein Rennpferd nicht rennen. Eines der ersten Dinge, die ich kennenlernte, war also eine Magensonde, mit der man mich durch die Nase ernährte. Erinnern kann ich mich daran natürlich nicht.

Plötzlich aber scheint die erste Szene aus einer Kinderkrippe auf: Ich stehe mit vielen anderen Kindern an einem Tisch, der so hoch ist, dass ich mich mit meinen Ärmchen strecken muss. Oben steht ein Teller mit Marmeladenbroten. Wir alle schieben und drängeln, um die wenigen Weißbrotstullen zu ergattern, die zwischen den Mischbrotstullen liegen.

Ich hoffe mal, dass die in weiße Kittel gekleideten Erzieherinnen – auch Tanten genannt – damals dafür sorgten, dass jeder mal an die Reihe kam. Und dass es nicht den Kindern selbst überlassen blieb, wer am Ende die wertvollen Weißbrotstullen ergatterte. Tiefen Eindruck hat die Futter-Rangelei auf alle Fälle in mir hinterlassen.

Die heute beginnende Serie über Dinge soll jedenfalls keine nostalgische werden. Sie dreht sich um die Veränderlichkeit dessen, was uns im Leben umgibt – und um die Erlebnisse eines jungen, nicht ganz ausgereiften Berliners.