Berlin - Der Altbundespräsident Joachim Gauck hat in dieser Woche Aussagen gemacht, an denen man auch als Spaß-Kolumnist nicht vorbeikommt. Zum einen forderte er eine „erweiterte Toleranz in Richtung rechts“, was bereits heiß debattiert wurde. Zum anderen sagte er bei einer Buchvorstellung: „Wenn ich einen iranischen Taxifahrer habe in Berlin, habe ich ja Glück, der erzählt mir, wie toll es in Deutschland ist. Wenn ich einen Ur-Berliner Fahrer habe, dann merke ich erst, wie beschissen das Land ist.“

„Wat hat’n Jauck jejen Ur-Berliner Taxifahra?“, regt sich sofort mein innerer Berliner auf. „Und wieso soll een iranischer Taxifahra Deutschland jrundsätzlich loben? Hat Jauck ’ne Umfrare dazu jemacht oder wat? Und woher weeß Jauck, dass Ur-Berliner Taxifahrer nur rummeckern? Ick kenn ooch lustije Taxifahra.“ „Chill mal dein Leben!“, versuche ich ihn zu beruhigen, „Gauck hat sicher nur verallgemeinert, was er mal im Taxi erlebt hat. Politiker haben ihre Ansichten über Menschen ohnehin meist aus Taxis.“

„Ja klar“, ruft mein innerer Berliner. „Für dich is dit janz normal. Wat ma aba dabei am meisten uffrecht, is, dass Jauck sich offenbar nur wohlfühlt, wenn er hört, wie toll dit allet is im Land.“ – „Ja, so sind Politiker“, sage ich, „zumindest viele. Guck dich doch mal um.

Die wollen auch nur liebgehabt werden. Kein Grund, sich aufzuregen.“

Reden und streiten 

„Nich uffrejen? Ick könnt man von früh bis spät uffrejen. Zum Beispiel über die janze Groko und ihr Rumjepfusche. Die Klimapulletik hamse jejen Boom jefahrn. Milljonen hamse wejen irjendsonem Maut-Ahmteuer in Sand jesetzt. Und denn der Zoff bei de SPD. Nur Jezanke und Intrijen. Aba wat ham die denn übahaupt noch zu hoffen? Die ham doch vor Jahren schon die eenfachen Leute varraten. Der Schröda, der sich jetze wieder einmischt, janz vorne dran.
Oder hier in Berlin: Erst vakooft der Senat die janzen landeseijenen Wohnungen, holt sich die Jängsta von die Deutsche Wohnen rin ..., und een paar Jahre späta pappta een Mietendeckel uff die Vamieta druff und denkt, nu looft dit. Da fällt mir nur der alte Spruch ein: Du kannst mir mal für’n Sechser,/weil wir uns beede kenn,/mit blankjewichste Stiebeln/ den Puckel runtarenn.“

„Ich verstehe ja deine Aufregung“, sage ich und gebe zu, dass man sich durchaus echauffieren kann. Und wenn man manche Reaktionen auf unangenehmes Wahlverhalten von Teilen der Bevölkerung hört, dann fällt einem nur das alte Brecht-Gedicht ein, an dessen Ende es heißt: „Wäre es da/Nicht doch einfacher, die Regierung/Löste das Volk auf und/ Wählte ein anderes?“

„Ja, deshalb hat der Jauck wohl dit mit der Toleranz jejen rechts gesacht. Blöd nur, dass er jetz wochenlang erklärn muss, wat er wirklich jemeint hat. Nee, sacht er über die AfD, er finde die Typen suspekt und retro. Aber man müsse halt mit denen reden und streiten. Zumindest mit denen, wo es sich noch lohnt“ – „Da hat er mal recht“, sage ich, „schon der alte Wehner hat ja gemeint, dass man sich lieber verbal die Köpfe einschlagen sollte, als sich gegenseitig ins Gefängnis zu stecken.“

„Aber weeßte“, sagt mein innerer Berliner, „ick bezweifle, ob dit unsre Politiker könn, sich offen streiten und ooch mal erkennen, wat se selba falsch machen. Die kenn doch nur Reflexe: Wir ham allet richtich jemacht, die andern sind alle doof.“ – Darauf ich zu ihm: „Du könntest direkt als Ur-Berliner Taxifahrer anfangen.“