Viele seltsame Taschen sind mir schon begegnet: Aktentaschen, Kartentaschen, Fahrrad-Satteltaschen, Beuteltaschen, Handgelenktaschen. Doch die allererste, die ich kennenlernte, war wohl meine Stullentasche – die Berliner Variante der Brottasche. Sie baumelte mir um den Hals, wenn ich mit vier Jahren an der Hand meiner Mutter zum Kindergarten ging. Alle Stullentaschen sahen in etwa gleich aus. Sie waren aus Leder und hatten einen Drehverschluss, den man durch einen Schlitz im Deckel schieben musste. In der Tasche lagen Stullen mit Salami („harter Wurst“) oder Teewurst, ein paar Apfelstückchen, was Süßes.

Heutzutage bekommt das Kind eine Brotbüchse in den Rucksack gestopft. Sorry, die Dinger heißen natürlich Lunchbox, Yumbox und Twin-Box. In sie passt allerhand hinein. Es gibt wahre Wettbewerbe unter Müttern darum, wer die tollsten Pausenbrot-Kreationen fabriziert. Ich bin dankbar dafür, dass ich als Kind von so etwas verschont wurde.

Ich mochte das Toben und Spielen im Kindergarten. Aber eines mochte ich überhaupt nicht: den Mittagsschlaf. Eben noch hatte man herumgetobt und plötzlich sollte man sich hinlegen, um gefühlte sieben Stunden zu schlafen? Ich schaffte es einfach nicht, einzuschlafen, drehte mich hin und her, sang Liedchen, störte die anderen. 

Die Stullentaschen von anderen Kindern

Die genervten Erzieherinnen separierten mich. Sie steckten mich in den Verschlag, der in schlaffreien Zeiten die Liegen beherbergte. Dort popelte ich aus Langeweile die gelbe Ölfarbe von der Wand. Anderentags verfrachtete man mich ins Krankenzimmer. Ich vertrieb mir die Zeit damit, kleine Stückchen aus dem weißen Bettbezug herauszubeißen. Die Aufregung hinterher war groß.

Beim nächsten Mal hatten die Erzieherinnen – auch „Tanten“ genannt – die schlaue Idee, meine Liege in den Vorraum zu stellen, direkt neben die Garderobenhaken mit den Mäntelchen und Stullentaschen der Kinder. Ich konnte wieder nicht einschlafen. Direkt neben mir hing eine Stullentasche. Aus Neugier öffnete ich sie. Drinnen lag eine kleine Marzipanfigur. Mmh, dachte ich, man könnte mal ein Stückchen kosten. Nur ein Krümelchen! Wer würde es merken?

Nach einer Weile des Herumliegens wurde ich wieder unruhig. Ich öffnete die Tasche erneut, nahm wieder ein Krümelchen und verschloss die Tasche. So ging das die nächste halbe Stunde: Stullentasche öffnen – Krümelchen kosten – Stullentasche schließen. Ich kannte noch nicht die große Grundwahrheit des Lebens: Was immer weniger wird, ist irgendwann ganz weg.

Wie der Mittagsschlaf gelingt

Die große Abrechnung kam danach. Die Erzieherinnen schimpften. Stefan heulte. Denn ich hatte seine Marzipanfigur gefressen. Ich war ein Dieb! Meine Mutter war verzweifelt. Und es muss wohl ein ernsthaftes Gespräch im Kindergarten gegeben haben. Beim nächsten Mittagsschlaf jedenfalls setzte sich eine der älteren Tanten zu mir an die Liege. Sie legte ihre große warme Hand auf mein Händchen, und immer, wenn ich blinzelte, sagte sie: „Pssst, nicht gucken. Äuglein zu!“ Ich wurde müder und müder – und irgendwann war ich eingeschlafen. Ich war stolz, es geschafft zu haben.

Schade, mag jetzt so mancher zu mir sagen. Vielleicht wärst du mit ein bisschen mehr Ausdauer als Anti-Mittagsschlaf-Rebell des Kindergartens in die Geschichte eingegangen. Vielleicht hättest du das System verändert. Solchen Unsinn kann nur erzählen, wer nie eine echte Stullentasche getragen hat.