Früher bestand die Lieferung des an der Tür klingelnden Eismanns aus einem normalen Eisblock, den man nicht essen sollte. 
Foto: imago images / alimdi

BerlinMeine Großeltern, die in Köpenick wohnten, besaßen lange Zeit keinen Kühlschrank, auch in den 60er-Jahren noch nicht. Was gekühlt werden musste, lag im Wandschrank unterm Fenster. Ob zusätzlich eine Schale mit kühlendem Eis im Schrank stand, weiß ich nicht mehr. Auch nicht, ob regelmäßig ein Eismann bei meinen Großeltern vorbeikam.

Mit Eismann ist hier nicht jener Mann mit dem Eiswagen gemeint, der mancherorts bimmelnd auf der Straße steht und Speiseeis anbietet – natürlich kann es auch eine Eisfrau sein. Damals bestand die Lieferung des an der Tür klingelnden Eismanns aus einem normalen Eisblock, den man nicht essen sollte. Er diente zur Kühlung der Lebensmittel in sogenannten Eisschränken – in Läden, Gaststätten und Wohnungen.

Mit meiner Oma sah ich damals im Fernsehen einen witzigen Kurzfilm über einen solchen Eismann, der irgendwo einen Eisblock ausliefern sollte. Er schleppte ihn durch die Gegend. Während der Liefertour wurde der Block immer kleiner. Er fiel runter, polterte über Treppen, schlitterte über Straßen, zerbrach und schmolz. Am Ende klingelte der Eismann völlig kaputt an einer Wohnungstür. Eine Frau machte auf. Schuldbewusst zeigte der Mann die schäbigen Reste des Eisblocks. Die Frau bekam runde Augen und fragte: „Soo vieeel?“ Meine Oma und ich lachten.

Eis is nun nur noch Speiseeis

Hergestellt wurde das Eis in sogenannten Eisfabriken, etwa in der Luisenstadt in Mitte. Es hieß Stangeneis, weil die Blöcke bis zu anderthalb Meter lang waren. Die Milchfabrik Bolle kühlte damit ihre Milch auf den Transportwagen. Anfangs hatte man gar Natureis zum Kühlen genutzt. Es kam unter anderem aus einem Eiskeller in der Friedrichshagener Bölschestraße. Hier wurde Eis gelagert, das man im Winter auf dem Müggelsee gebrochen hatte.

Irgendwann besaßen auch meine Großeltern einen Kühlschrank. Und Eis war nur noch Speiseeis. Oft ging ich in die „Eisdiele“ um die Ecke. „Kannste dir noch erinnern?“, fragt mein innerer Berliner. „Die muschelförmigen Waffelschalen und die kleenen Plastelöffel?“ Ja, kann ich. Auf den Löffeln standen Namen, aber nie meiner. „Und erinnerste dich an dit Softeis? Dit is schnella wegjeloofen, als de löffeln konntest. Und die Waffelmuschel is durchweicht. Und denn is dit inne Hand jeloofen. Und allet hat jeklebt!“

Schöne Erinnerungen.

Eis mit Leberwurscht, Eisbein und Sauerkraut

Meine drei Lieblingseissorten waren und sind auch heute: Vanille, Vanille, Vanille, manchmal garniert mit Krokant, Nuss und Eierlikör. Meine Frau quittiert dies immer mit dem Ausruf: „Wie langweilig!“ Stimmt. Es kann langweilig sein, besonders, wenn man unter „gut“ in erster Linie „viel“ versteht. Als ich – Jahrzehnte waren vergangen – das erste Mal nach Florenz reiste und an einem Stand ein Vanille-Eis in der Waffel bestellte, türmte mir der auf großen Umsatz erpichte Eismann kunstvoll acht Kugeln auf und grinste dabei. Es war kaum zu schaffen. Das Eis lief schneller davon, als man lecken konnte. Und dazwischen musste man ja auch noch schimpfen: „Blöder Betrüger, Aasgeier! Armleuchter!“

Heute wird im obercoolen Berlin getestet, was man alles noch so zu Eis machen kann. Es gibt die wildesten Eiskreationen mit Gurke, Fleisch, Ingwer, Malvenblüten, Roten Bohnen, Erdnüssen, Brezeln oder gar mit Aktivkohle, damit das Eis pechschwarz ist. „Der Mensch hat ehm ’ne Scheibe“, sagt mein innerer Berliner. „Ick mach ooch ’n Eisladen uff. Da vakoof ick dann Eis mit Leberwurscht, Eisbein und Sauerkraut!“

Abnehmer finden sich garantiert.