Sie wollten sie fertig machen, bis sie weint. Eher würden sie sich umbringen, als in der Klasse neben ihr zu sitzen, sagten sie. Sie hielten sie in der Pause an Armen und Beinen fest und zerrten sie über den Schulhof. Das Martyrium von Martha*, 12, beginnt vor drei Jahren.

Aus Hänseleien, weil Martha – „die Schlaue“ – eine Klasse übersprungen hat, werden schnell Tätlichkeiten. „Huch, der Basketball sollte eigentlich nicht ins Gesicht gehen.“ „Ach sorry, ich wollte dich gar nicht anrempeln.“

Martha erträgt das, frisst es aber immer mehr in sich hinein und zweifelt heimlich an sich selbst. Sie geht nicht mehr gern zur Schule. Das sensible und lebensfrohe Mädchen von einst wird unkonzentrierter, manchmal sogar fahrig.

Mobbing: Ausgrenzungen, Einschüchterungen, Demütigungen

Mobbing. Das ist das Wort, das das Grauen beschreiben soll, dass Schüler anderen Schülern antun. Es geht um Ausgrenzungen, Einschüchterungen und menschliche Hässlichkeit. Es findet täglich statt, auf dem Schulhof und im Klassenraum. Manchmal wirkt es von außen harmlos. Sind doch nur Sprüche, Neckereien.

Sind es nicht.

Es geht um alles. Um das Selbstwertgefühl, die Freude, das Leben eines Menschen.

Marthas Mutter Nadine sieht, dass ihr Kind immer tiefer in ein Loch fällt und schreibt sich irgendwann in ihrem Blog „Essential Unfairness“ den Frust von der Seele – in einem öffentlichen Brief an ihre Tochter. „Ich war traurig, hilflos, wütend, ungeduldig und enttäuscht“, sagt Nadine. „Ich wollte zeigen, wie sehr nicht nur das Kind, sondern auch die Eltern leiden, wenn die eigene Tochter oder der eigene Sohn ausgegrenzt und verletzt wird.“ 

Mobbing ist längst kein Randphänomen mehr, es betrifft viele. In der von der Weltgesundheitsorganisation gestützten repräsentativen HBSC-Studie (Health Behaviour in School-aged Children) zum Thema Mobbing von Schülern im Jahr 2013 und 2014, gaben rund 11,8 Prozent der in Deutschland befragten Mädchen im Alter von 13 Jahren an, in den letzten Monaten Opfer von Mobbing geworden zu sein. Martha ist eine von vielen.

Die Folgen des Mobbings äußern sich bei Martha in vielen verschiedenen Facetten. Durch die Situation in der Schule hält sie zum Beispiel mittlerweile kaum weiteren Druck aus. Einfache Aufgaben im Haushalt werden ihr schon zu viel.

In ihrem Brief schreibt die Mutter: „Du fühlst Dich hässlich, nicht wirklich liebenswert innerhalb der Außenwelt, zutiefst verunsichert, „seltsam“ und zusammengefasst wie eine Ausgestoßene. Gleichaltrige amüsieren sich, hängen zusammen ab – Du stehst alleine in der Nähe, aber abseits.“

„Mobbing ist immer ein gruppendynamisches Phänomen“ sagt Familientherapeut Björn Enno Hermans, „die Mobber schaukeln sich gegenseitig hoch, fühlen sich dadurch, als würden sie zur richtigen Seite gehören.“ Man kennt das auch aus anderen Gesellschaftsbereichen auch. Nur: Was lässt sich dagegen tun? Wie lässt sich eine solche Dynamik durchbrechen?

Frühe Hilfen für Opfer sind wichtig

„Da muss möglichst früh angesetzt werden“, so Hermans. Zunächst einmal müssten die Eltern oder Lehrer etwas davon mitbekommen. Für Gemobbte könne auch das schon eine Hemmschwelle sein. Und dann müssten alle an einem Strang ziehen.

Die Situation müsse „gesehen“ werden, dafür brauche es die Sensibilität der Lehrer und der Eltern. Schließlich müssten auch Sanktionen für die Täter folgen. Ganz wichtig: Das Opfer sollte in alle Überlegungen mit einbezogen werden. Denn hinter seinem Rücken geschieht schon genug.

Alle Helfer müssen an einem Strang ziehen

„Schwierig wird es, wenn die Erwachsenen-Allianz nicht an einem Strang zieht“, sagt Hermans. Wenn also die Eltern und Lehrer noch zusätzlich miteinander in den Konflikt um die richtige Strategie geraten. Auch Marthas Mutter fühlte sich irgendwann allein gelassen mit ihren Sorgen. Sie hatte das Gefühl, ihre Tochter jeden Morgen ungeschützt „den Löwen zum Fraß vorzuwerfen“.

Nadine schreibt: „Ich sehe, wie Deine Hände oft zittrig sind. Du bist angespannt und fahrig. Du weinst oft. Du hast Schlafstörungen, Bauchschmerzen und Kopfschmerzen.“

Zwischenzeitlich hatte Martha sogar ihren Instagram-Namen in „Trash“ geändert und ihren Status in „Please don’t hate me“. „Es ist herzzerreißend“, sagt die Mutter. Mobbing macht ängstlich, Mobbing nimmt Selbstwertgefühl. Deswegen ist es so wichtig, sich Hilfe zu holen. Martha wird mittlerweile von einem Psychologen betreut.

„Das ist sehr wichtig“, bestätigt auch Björn Enno Hermans von der Deutschen Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie, „denn es geht beim Mobbing immer um Wechselwirkungsprozesse. Auch das Opfer braucht Beratung, um ebenfalls sein eigenes Verhalten in schwierigen Situationen zu reflektieren und möglicherweise anders zu gestalten.“ Das ist auch wichtig für den Fall eines Neuanfangs.

Neuanfang: Marthas Familie will das nicht länger aushalten

Marthas Familie hat jüngst beschlossen, das alles nicht länger mitzumachen. Sie wird ihr Haus verkaufen und es an einem anderen Ort nochmal versuchen. Das ist ein harter Schnitt. Aber nachdem sie alles versucht hat und sich nichts besserte, sah sie keinen anderen Ausweg mehr, um Martha zu schützen. Und ihr Leben wieder lebenswert zu machen. Ohne Mobbing – und hoffentlich wieder mit ein bisschen Lebensfreude.

*Zum Schutz der Protagonisten wurden alle Namen verfremdet