Die Zeit vergeht unterschiedlich schnell, je nachdem, was man gerade tut. Mit dem Hund am See rast sie nur so dahin. 
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BerlinZuerst bilden sich rote Flecken auf ihrem Gesicht und ihrem Hals. Dann beginnen die Hände zu zittern, kleine Hände mit dünnen Fingern, sie sehen aus wie Vogeljunge. Auch ihr Kopf mit den weißen Löckchen zittert, und immer wieder stammelt sie: „Einen Moment ... bitte ... gleich ... habe ich es“. Der Versuch, einen Geldschein aus ihrem Portemonnaie zu ziehen, gerät zur Folter. Ihr zuzusehen schmerzt. Dabei ist eine Quelle für die Hast der alten Frau nicht auszumachen. 

Zwar warten etliche Kunden im Buchladen an der Kasse. Doch alle sind geduldig, niemand beschwert sich. Die Unruhe, die quälende Hektik, muss aus ihr selber kommen. Irgendeine Macht in ihrem Inneren treibt sie an, flüstert: „Du hast keine Zeit. Du hast keine Zeit.“ Nach quälenden Minuten zieht sie die renitente Banknote aus der Geldbörse. Durch den Ruck öffnet sich das Kleingeldfach und unzählige Münzen springen heraus und kollern durch das Geschäft. Die Frau beginnt zu weinen. Das Mädchen hinter ihr reicht ein Taschentuch, legt ihr die Hand auf die Schulter, und dann sammeln alle zusammen die Münzen ein.

Ein paar Minuten später sitze ich mit einer Freundin im Café. Sie ist achtzig und sieht kaum mehr etwas. Trotzdem hat sie ein Smartphone. Auf dem sucht sie nun eine Telefonnummer. Mit wachsender Verzweiflung wischen ihre knotigen Finger über das Display. „Wenn ich doch nur besser sehen könnte. Dann würde das schneller gehen“, schluchzt sie, und ihr Kummer ist so bodenlos, dass wir beide ganz tief hineinfallen. Nichts kann sie trösten, am wenigsten meine beruhigenden Worte, dass sie doch Zeit habe. So viel Zeit.

Wie anders der ältere Herr im Weinladen. Er hat die Ruhe weg. Sitzt vor seiner leeren Kaffeetasse und erklärt mir, er kaufe die Zeitung nur, damit er wisse, welches Datum der Tag habe. Dann erzählt er, dass er demnächst zu den Niagarafällen reisen wolle und erläutert mir ausführlich den Nutzen von Stützstrümpfen auf Langstreckenflügen. Die Weinhändlerin merkt an, dass es vielleicht noch nicht die richtige Zeit sei für sein Vorhaben und ob er die Reise nicht noch etwas verschieben wolle. Ja, vielleicht mache er das, sagt der Mann. Er habe ja alle Zeit der Welt.

Wie anders auch das nackte Kind im Planschbecken. Selbstvergessen und in stiller Eintracht mit seiner Umwelt, mit dem Sommer, der den Garten unbarmherzig in seiner Grillzange hält, mit den Bienen und Fliegen schüttet es seit Stunden Wasser von der einen Seite des Beckens auf die andere. Als ob es herauszufinden gälte, ob der Pegel rechts steigt, wenn man links etwas wegnimmt. Natürlich passiert nichts, aber ist das ein Grund, das Experiment abzubrechen? Nicht, wenn man Zeit hat. Und das Kind hat Zeit. Weltzeit.

Wie unterschiedlich Menschen sie wahrnehmen. Sind die einen getrieben von Dämonen der Hektik, kennen die anderen weder Uhr noch Kalender. Treiben dahin im Meer der Minuten und Stunden, während andere vor Stress weinen. Es ist ein Seltsames mit der Zeit. Gerecht ist sie nicht. Aber ist das ihre Aufgabe? Nein.