Lukas H. kann sich nicht erklären, wie es zu den tödlichen Verletzungen seiner kleinen Tochter gekommen ist. 
Olaf Wagner

BerlinGerade einmal einen Monat alt war die Tochter von Lukas H., als sie im Vivantes-Krankenhaus Neukölln starb. Wie die Ärzte und Gerichtsmediziner feststellten, hatte das kleine Mädchen ein tödliches Schütteltrauma erlitten. Weder Spielereien mit dem Baby noch die späteren Reanimationsversuche können Ursache für die Verletzungen sein, so soll es im Gutachten stehen.

Drei Jahre nach dem Tod des Säuglings muss sich Lukas H. (Name geändert) vor dem Landgericht für den Tod seiner Tochter verantworten. Der 41-jährige Informatiker aus Lichtenberg steht seit Montag wegen Körperverletzung mit Todesfolge vor Gericht. Er soll das gerade einmal 26 Tage alte Kind am 5. März 2017 so sehr geschüttelt haben, dass es an seinen Verletzungen starb.

Die Staatsanwältin sagt, der Angeklagte sei wegen des Schreiens des Säuglings überfordert gewesen. Lukas H. kann sich nicht daran erinnern, seine Tochter kräftig geschüttelt zu haben. „Ich überlege seit drei Jahren, wie und an welcher Stelle es zu dem Schütteltrauma gekommen sein kann“, sagt er.

Seine Tochter sei doch etwas Besonderes gewesen. „Sie war unsere kleine Prinzessin, wurde von allen verwöhnt.“ In seiner Familie habe es bis dahin immer nur Jungs gegeben.   Lukas H. sagt, seine Tochter sei ein Wunschkind gewesen.

Tochter soll keine Luft mehr bekommen haben

Seine Lebensgefährtin und er hätten an einem Geburtsvorbereitungskurs teilgenommen, eine Hebamme habe auch noch nach der Geburt hilfreich zur Seite gestanden. Das Kind habe fast nie laut geschrien. „Und selbst wenn: Kinder sind Kinder“, erklärt Lukas H.

Der 5. März 2017 war ein Sonntag. Nach dem Frühstück wollte die kleine Familie den sonnigen Tag nutzen und zu den Eltern von Lukas H. fahren. Der Angeklagte sagt, er habe seine Tochter für den Ausflug angezogen, und sie in einer Babyschale auf den Balkon gestellt. Zu dieser Zeit habe sich seine Lebensgefährtin im Bad fertiggemacht.

Plötzlich sei seine Tochter ganz blass geworden. Er habe „so ein Quietschen“ gehört, als wenn seine Tochter keine Luft mehr bekomme. „Ich habe sie genommen, sie über die Schulter gelegt und ihr leicht auf den Rücken geklopft“, erinnert er sich. Doch das angestrengte Atmen habe nicht aufgehört. Ob er seine Tochter dabei auch geschüttelt habe, könne er heute nicht mehr sagen.

 Er eilte zu seiner Frau, die den Notarzt rief. Lukas H. versuchte bis zum Eintreffen der Rettungskräfte, seine Tochter wiederzubeleben. Sechs Tage später starb das Baby auf der Intensivstation an seinen schweren Verletzungen – hervorgerufen durch das Schütteln des Kindes.

Für die Kammer ist der Fall nicht so eindeutig

Die Mutter des Säuglings ist an diesem ersten Verhandlungstag als Zeugin geladen. Sie war einst selbst Beschuldigte, die Ermittlungen gegen sie wurden jedoch eingestellt. Die 39-jährige Personalsachbearbeiterin erzählt, dass ihr Partner immer sehr besorgt gewesen sei um sie und das Kind.

Sie erinnert sich noch an den rasselnden Atem ihrer Tochter. Sie könne nicht glauben, dass ihr Mann den Säugling geschüttelt habe. Sie habe auch nie Anzeichen dafür gesehen, dass Lukas H. genervt gewesen sei von der Kleinen.

Für die Kammer ist der Fall nicht so eindeutig, wie er in der Anklage beschrieben wird. So heißt es im Eröffnungsbeschluss, dass anstelle der Überforderung auch eine krankheitsbedingte Atemnot des Kindes zum Schütteln geführt haben könnte.

Lukas H. und seine Lebensgefährtin sind nach dem Tod ihrer Tochter zusammengeblieben. Sie haben einen Babyführerschein gemacht, im Oktober 2018 wurde ihre zweite Tochter geboren. „Ich bin froh, dass die Kleine da ist, ich bin froh, dass meine Frau da ist“, sagt Lukas H.

Der Prozess wird am 10. März fortgesetzt. Dann soll der Gutachter zur Todesursache gehört werden.