Berlin - Nach dem Tod eines achtjährigen Jungen, der am Hauptbahnhof von Frankfurt am Main am Montag von einem 40-jährigen Mann vor einen einfahrenden ICE gestoßen wurde, ist bei Reisenden in Berlin das Entsetzen groß – aber auch die Sorge vor solchen Attacken.

Die Reisenden sind vorsichtiger geworden

Gleis 14 am Berliner Hauptbahnhof am Dienstagmittag: Der Bahnsteig ist voller Reisender mit Koffern und Taschen, mit Menschen, die ihre Lieben zum Zug bringen. Es ist Ferienzeit, also Reisezeit. Der ICE nach Interlaken ist gerade weg, der Regionalexpress nach Wittenberge wird erwartet.

Sophie und Elgün Ganbarli haben sich gerade von Elgüns Schwester verabschiedet, die mit dem Interlaken-ICE nach  Goslar will. „Es ist ganz schrecklich, was in Frankfurt passiert ist“, sagt die 21-jährige Sophie Ganbarli. 

Sie habe beim Einfahren des ICE ihrem Mann und ihrer Schwägerin gesagt, lieber etwas weiter von der Bahnsteigkante entfernt zu warten, bis der Zug zum Stehen kommt. „Hier ist es immer voll hier auf dem Bahnsteig, und man weiß ja nie, wer hinter einem steht“, fügt Sophie Ganbarli erklärend hinzu.

Nach den Ereignissen in Frankfurt stehen viele weiter von der Bahnsteigkante weg

Die Rolltreppe bringt unentwegt neue Reisende auf den Bahnsteig. Wen man auch anspricht, alle haben von dem schrecklichen Vorfall am Montag gehört. Alle haben eine Meinung dazu. Viele sagen, dass man solche Attacken auf einem Bahnsteig wohl nicht verhindern könne.

Das sieht auch Annica Bernhardt so. Sie kommt mit ihrer zehnjährigen Tochter Johanna gerade aus dem Urlaub. Ein ICE hat sie von München nach Berlin gebracht. Nun soll es nach Hause gehen, nach Sachsen-Anhalt.

Die 39-jährige Mutter sagt über die Frankfurter Attacke: „Ich war geschockt, als ich die Nachricht gehört habe. Diese Tat ist einfach unbegreiflich.“ Sie spricht leise, sodass ihre Tochter ihre Worte nicht hören kann. Johanna wisse nichts von dem Vorfall, sagt die Mutter. „Mein Kind soll mit mir weiterhin unbeschwert Zug fahren können“, erklärt Annica Bernhardt nicht ohne Sorge in der Stimme.

Nach den Ereignissen in Frankfurt sei sie bei Bahnfahrten viel umsichtiger und würde mit ihrer Tochter noch einen Meter weiter von der Bahnsteigkante entfernt stehen. Erst vorhin habe sie  Johanna, die rechts von ihr und damit näher an den Gleisen gelaufen sei, gebeten, an ihre linke Seite zu kommen. „Das hätte ich vor zwei Tagen wohl noch nicht gemacht. Natürlich wird man vorsichtiger als Mutter“, sagt Annica Bernhardt.

Der Sprecher der Deutschen Bahn zeigt sich betroffen über den Tod des Achtjährigen in Frankfurt

Immer wieder sind Service-Mitarbeiter und Sicherheitsleute der Deutschen Bahn unter den Wartenden zu sehen. Es scheint, als wären es mehr als an anderen Tagen. Ob am Dienstag  wirklich verstärkt Personal auf den Bahnsteigen der Berliner Fernbahnhöfe eingesetzt wurde, dazu will Bahnsprecher Burkhard Ahlert auf Anfrage der Berliner Zeitung nichts sagen.

Er erklärt, man sei über den Tod des achtjährigen Kindes in Frankfurt am Main tief schockiert und in Gedanken bei den Angehörigen. Zudem lässt er auch wissen, dass die Sondertelefonnummer zur psychologischen Betreuung für Zeugen des Vorfalls auch weiterhin geschaltet sei.

Zuvor hieß es bei der Deutschen Bahn, eine hundertprozentige Sicherheit vor derartigen Attacken  wie in der Mainmetropole gebe es nicht. Man könne nicht alles absperren.

„Die eigene Vorsicht ist der beste Unfallschutz“ - rät ein Beamter der Bundespolizei

Die Bundespolizei ist am Dienstag  verstärkt auf Bahnhöfen unterwegs. Man informierte etwa am Ostbahnhof Reisende über sicheres Verhalten auf Bahnsteigen, heißt es. 

So wolle man die  Fahrgäste  sensibilisieren, nicht zu dicht an der Bahnsteigkante zu stehen. Durchfahrende Züge passierten die Bahnhöfe mit Geschwindigkeiten von bis zu 160 Stundenkilometern. Der Luftsog, der dadurch entstehe, sei enorm und damit gefährlich. Das Gehör nehme einen solch schnellen Zug  zu spät war, um überhaupt reagieren zu können. 

„Die eigene Vorsicht ist der beste Unfallschutz“, sagt ein Beamter der Bundespolizei.  Angesprochen auf die Sicherheit vor möglichen hinterrücks ausgeführte Attacken fügt er hinzu: „Wenn es geht, sollte man beim Warten auf den Zug mit dem Rücken an Säulen oder Wänden stehen, sodass sich niemand hinter einem aufhalten kann."

Die Reisenden achten nach dem Vorfall in Frankfurt mehr auf ihre Sicherheit

Matthias Heermann und seine drei Töchter, die 17-jährige Luise und die 13-jährigen Zwillinge Julia und Johanna, haben drei Koffer und diverses Handgepäck dabei. So vollgepackt stehen sie  auf Gleis 14 des Hauptbahnhofs vor der Glaswand des  Fahrstuhls. Die Heermanns kommen  aus dem Urlaub und wollen nach Hause  ins brandenburgische Dallgow-Döberitz.

Der 48-jährige Familienvater erzählt, dass sie  auch schon vor dem Frankfurter Ereignis vorsichtig gewesen seien.  So etwas sei ja – leider – nicht zum ersten Mal geschehen. In Berlin  etwa habe vor einigen Jahren ein Mann eine junge Frau vor eine  einfahrende U-Bahn geschubst. Die Frau sei überrollt und getötet worden. Schon das sei damals  in aller Munde gewesen.

„Der Tod eines Kindes macht aber besonders fassungslos“, sagt Heermann. Er hat  nach eigenen Worten mit seinen Kindern über den Frankfurter Vorfall gesprochen und auch darüber, wie man sich auf einem Bahnsteig sicher bewegen könne. „Man weiß schließlich nie, was für ein Verrückter hinter einem steht“, erklärt Heermann.