Paul N. kennt die Atmosphäre von Gerichtssälen. Obwohl ihm bereits zwei Monate nach Beginn einer Ausbildung zum Rechtsanwalts- und Notargehilfen gekündigt wurde, trat er so manches Mal in schwarzer Robe vor den Richtern auf. Auch auf der Anklagebank nimmt er bereits zum vierten Mal Platz: Ein kräftiger 24-Jähriger mit dunkelblonden Locken, großen Augen und weichen Gesichtszügen.

Diesmal präsentiert ihm das Landgericht gleich drei Anklagen mit 348 Straftaten. Aufmerksam liest Paul N. mit, während der Staatsanwalt mehr als eine halbe Stunde benötigt, um alle Fälle von Betrug, Urkundenfälschung, falscher eidesstattlicher Versicherung sowie Missbrauch von Berufsbezeichnungen wenigstens andeutungsweise aufzuzählen.

Von 2014 bis 2016 er hatte bundesweit versucht, als „Prozessbevollmächtigter“ Anwaltsgebühren zu kassieren. Häufig verwendete er einen Briefbogen mit der Überschrift „Kanzlei N. und Partner“ , bezeichnete sich selbst als Kanzleiinhaber und scannte die Unterschrift von „Schneider, Rechtsanwalt“.

Berliner Anwaltskammer klärten Gerichte über den Betrüger auf

Variantenreich fallen die ersten 31 der angeklagten Betrugshandlungen aus: Da wird für eine Mandantin Prozesskostenbeihilfe und die Beiordnung als Prozessbevollmächtigter sowie Festsetzung von Kosten zugunsten von Paul N. begehrt. Auch Kostenvorschüsse sowie Anträge für die Erstattung von Gebühren für Beratungen in sozial- und mietrechtlichen Angelegenheiten reichte er bei den Amtsgerichten ein. In einem Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Braunschweig zeigte er die Vertretung seiner Mandantin als Verteidiger an.

Für einen anderen Mandanten erhob er Klage beim Sozialgericht Berlin. Einmal erreichte er ein Versäumnisurteil – das heißt: Er gewann einen Zivilprozess, weil die gegnerische Partei sich entweder nicht auf den Streit eingelassen hatte oder nicht zur Verhandlung erschienen war.

Vom Amtsgericht Flensburg begehrte er einen Pfändungs- und Überweisungsbeschluss über 250.000 Euro gegen die Stadtwerke: Diese hätten angeblich Schulden bei der von ihm vertretenen „Deutschen Energiegesellschaft“. Als die Amtsrichter den rührigen Anwalt baten, ihnen weitere Unterlagen zukommen zu lassen, reagierte dieser nicht mehr. Sein Ansinnen wurde für unzulässig erklärt.

So wie beim diesem Gericht erging es ihm häufig: Entweder zweifelte das Gericht von sich aus an seiner Zulassung oder Kollegen wie etwa die Berliner Anwaltskammer klärten die Gerichte über den Betrüger auf. In der Zeit von Juni 2014 bis Juli 2015 gelang es Paul N. zwar in 18 Fällen, die Auszahlung von diversen Gebühren zu erwirken. Doch flossen nur 5000 Euro auf sein Konto.

Farbfernseher austauschen

Im März 2016 verlegte sich der falsche Anwalt auf die Masche, den Amtsgerichten von Aalen bis Zittau 275 Beratungshilfeanträge für seinen Mandanten Roujieh G. zu schicken. Dieser wohne im Zuständigkeitsbereich des jeweiligen Amtsgerichts. 42 Gerichte befürworteten diesen Antrag, dorthin sandte Paul N. eine Gebührenrechnung. Diese wurden zwar in keinen Fall bezahlt, waren aber geeignet, so der Staatsanwalt, „das Vertrauen an die Zuverlässigkeit von anwaltlich gefertigten Anträgen nach dem Beratungshilfegesetz zu beeinträchtigen“.

Im Juni 2016 wurde Paul N. verhaftet, nun sitzt er eine fünfjährige Jugendstrafe ab für Taten, die er seit dem 15. Lebensjahr begangen hatte. Schon in der Schule habe er seinen Lehrern große Schwierigkeiten bereitet. Seine Mutter sei mit ihm überfordert gewesen. Es scheiterte auch der Versuch, ihn privat zu beschulen. Er schaffte den erweiterten Hauptschulabschluss, sein Ausbildungsbetrieb kündigte ihm nach wenigen Wochen.

2011 geriet er in die Schlagzeilen seiner Lausitzer Heimat, weil er zwei Jahre lang hunderte Briefe vor allem nach Schwaben verschickt hatte. Als Absender gab er die Gebühreneinzugszentrale GEZ an: „Letzte Mahnung vor der Inkassonahme“, drohte er. Wer nicht bereit sei 115,15 Euro nachzuzahlen, dem würde das Farbfernsehgerät gepfändet und gegen einen Schwarz-Weiß-Fernseher getauscht. Drei der Angeschriebenen zahlten. 230 erstatteten Anzeige. 2012 und 2013 versuchte es der Betrüger erfolglos mit 22 Mahnbescheiden in Höhe von 93 bis 200.000 Euro.

Im aktuellen Prozess wandte sich der Angeklagte in Richtung Richterbank. „Mein Interesse wäre eine Verständigung im gegenseitigen Interesse.“ Eine Verständigung – darunter verstehen die Juristen den Handel zwischen dem Angeklagten und dem Gericht: Geständnis gegen Strafmilderung. Paul N. ist dazu bereit: „Weil es so eine Masse ist, ist es wegen der Gerichtsbelastung von gegenseitigem Interesse, das zusammenzuschmeißen.“

Auch die Richter und die Anklage scheinen dem gewogen. Am Montag will das Gericht ihm ein Angebot über das Strafmaß unterbreiten. An diesem Tag soll auch der psychiatrische Gutachter etwas zur Entwicklung von Paul N. sagen.