Schönefeld - Er konnte einem schon Leid tun in den letzten Monaten: der Technikchef des Hauptstadtflughafens Horst Amann. Kein Eröffnungstermin für das Milliardenprojekt in Sicht, stattdessen ein Wirrwarr falsch verlegter Kabel und lückenhafter Pläne. Der erfahrene Bauingenieur steht auch nach acht Monaten noch vor einem Rätsel, da wagt der neue Flughafenchef Hartmut Mehdorn den Tabubruch: Spitzenleute aus dem Architekturbüro Gerkan sollen helfen, den Prestigebau zu retten - ausgerechnet die, die der Aufsichtsrat vergangenes Jahr mit Schimpf und Schande vom Hof gejagt und mit einer Klage überzogen hat.

„Es gibt keine Denkverbote“, gibt Mehdorn als Devise aus und sorgt mit seinen Personalplänen für Furore - wie schon mit seinem Vorstoß, den alten Flughafen Tegel am Rande der Berliner Innenstadt länger offen zu halten. Auch der frühere Bauleiter der Hauptbahnhöfe in Berlin und Stuttgart, Hany Azer, sowie der Paderborner Flughafenchef Elmar Kleinert sollen auf Mehdorns Wunschliste stehen. Die Gerkan-Initiative zeigt, dass der frühere Bahnchef keinerlei Rücksicht nehmen will, um den Flughafen ans Ziel zu bringen. Denn es war Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), der dem Star-Architekten als Aufsichtsratschef im vergangenen Mai den Stuhl vor die Tür setzte. Mehdorn belehrt Wowereit nun eines Besseren.

"Wir finden alles richtig"

„Das Architektenbüro hat nachweislich schlechte Arbeit gemacht“, hatte der Regierungschef noch im Januar geschimpft. Gerkan hatte den Politikern dagegen im Aufsichtsrat des staatlichen Flughafenbetreibers vorgeworfen, sie hätten sich lange von Halbwahrheiten und unrealistischen Vorgaben der Geschäftsführung blenden lassen. Der Architekt spricht von einer großangelegten Täuschung.

Mehdorn ist erst seit drei Wochen im Amt und davon unbelastet. Den Aufsichtsratsvorsitz hat Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD) übernommen. Aus Wowereits Rotem Rathaus heißt es nur: „Wir finden alles richtig, was das Projekt beschleunigt.“ Gerkans Leute sollen das Projekt wieder auf Kurs bringen - hofft Mehdorn zumindest, denn noch ist dem Vernehmen nach nichts unter Dach und Fach. Zwei Mal hat der frühere Bahnchef demnach schon mit Gerkan verhandelt, um Unterstützung für sein Beschleunigungsprogramm „Sprint“ zu erhalten. Doch der Preis für den Rettungseinsatz der Architekten dürfte schwer zu verhandeln sein.

Zwei Seiten einer Medaille

Das liegt auch an einer Schadenersatzklage, mit der der Flughafen mindestens 80 Millionen Euro von der Gerkan-Planungsgemeinschaft erstreiten will. Noch ist Zeit, die Klage zurückzunehmen. Es gibt bislang aber keine Anzeichen, dass Mehdorn das vorhat.
Der Manager hat Erfahrung damit, einerseits mit Unternehmen zusammenzuarbeiten und zugleich gegen sie zu prozessieren. Als Bahnchef verklagte er den wichtigen Lieferanten Bombardier auf Schadenersatz von mehr als 220 Millionen Euro. Die Verfahren laufen noch, der Zughersteller liefert weiter. Beide Seiten sind auf einander angewiesen.

So ähnlich ist es auch beim Flughafen. Mehdorn hat erkannt, dass er zumindest einen Teil von Gerkans Leuten braucht. „Wir sind doch alle erwachsene Menschen“, soll Mehdorn intern den Sprung der Flughafengesellschaft über ihren eigenen Schatten begründet haben.
Auch für die Architekten steht viel auf dem Spiel: Gerkan-Partner wie Hans-Joachim Paap und Hubert Nienhoff zählen den Hauptstadtflughafen auch nach der Schmach um die geplatzte Eröffnung selbstbewusst zu ihren Referenzen. Das Büro will sich aktuell nicht dazu äußern, aber klar ist: Können die Planer ihr Projekt selbst retten, verblasst die Kündigung vom vergangenen Jahr zum Schönheitsfehler. (dpa)