Schönefeld - Festlich ist die Stimmung im Rathaus Schönefeld an diesem Wintertag. Das Foyer ist geschmückt, und auf den Stelltischen steht der Sekt bereit, als die Bürger erfahren, dass sie schon wieder einen Wettlauf mit der Zeit verloren haben: diesmal gegen die Mongolei und deren neuen Airport, benannt nach Dschingis Khan.

Der mongolische Botschafter, Tsolmon Bolor, ist am Vormittag aus Berlin gekommen, um eine Fotoausstellung zu eröffnen. Schönefeld ist dank der Verbindungen des Bürgermeisters, Udo Haase, seit Jahren freundschaftlich mit dem Bezirk Bayangol der Hauptstadt Ulaanbaatar verbunden. Eine Delegation der Gemeinde hat im Sommer die Partnerstadt besucht, und die Bilder dieser Reise werden nun im Rathaus gezeigt.

Für den Botschafter ist das ein schöner Anlass, in seiner Ansprache zu betonen, was die beiden Orte Schönefeld und Ulaanbaatar quer über die Kontinente hinweg verbindet: zum Beispiel, dass beide eine Flughafengroßbaustelle unterhalten. „Ich fürchte allerdings“, fügt der mongolische Festredner an, „dass unser Airport früher fertig ist als Ihrer.“ Im Saal wird gelacht.

Nonstop in die Mongolei

An Scherze auf ihre Kosten sind die Schönefelder inzwischen gewöhnt. Weshalb Bürgermeister Udo Haase zur Ehrenrettung seiner Gemeinde beim Rundgang durch die Ausstellung die Dinge ein wenig relativiert. Er zeigt auf eine Fotografie des neuen Terminals in Ulaanbaatar. Auch der Chinggis Khaan International Airport, sagt er fast nebenbei, werde mit einiger Verzögerung eingeweiht. „Und dort rechnen sie nur mit 3,5 Millionen Fluggästen. Wir dagegen werden vermutlich bald 35 Millionen Passagiere haben.“ Die guten partnerschaftlichen Beziehungen trüben solche Nebensächlichkeiten nicht. Und so erklären Bürgermeister und Botschafter unisono, dass sie künftig auf eine Direktverbindung hoffen – nonstop von BER nach Chinggis Khaan.

An Udo Haase wird es nicht liegen. Es ist nicht seine Schuld, dass die Eröffnung des neuen Flughafens mehr als vier Jahre in Verzug geraten ist. Der unvollendete BER befindet sich zwar geografisch im Zentrum der Gemeinde und nimmt ein Fünftel ihrer Fläche ein; gleichzeitig aber liegt er außerhalb der Zuständigkeiten der Ortsteile Großziethen, Kiekebusch, Schönefeld, Selchow, Waltersdorf und Waßmannsdorf, die ihn ringförmig umgeben. Nicht die Kommune ist Bauherr, sondern Berlin, Brandenburg und der Bund. Haase erklärt die Situation so: „Wir sind vor dem Zaun. Und alles andere, worauf wir keinen Einfluss haben, liegt dahinter.“ Hinter dem Zaun wird zum Beispiel über den Eröffnungstermin des BER entschieden. Und vor dem Zaun beginnt das neue Jahr, wie das alte endete: Die Leute wissen immer noch nicht, ob das Ufo in ihrer Mitte nun 2017 den Betrieb aufnimmt oder doch erst 2018. Wenn überhaupt.

Dabei planen der hauptamtliche Bürgermeister und die Gemeindevertretung im Rathaus seit Jahren strategisch für den Tag X und weit darüber hinaus. Das Szenario sieht so aus: Sobald im Norden Berlins der Flughafen Tegel schließt, wird sich das gesamte Berliner Passagieraufkommen – derzeit 30 Millionen Fluggäste im Jahr – über den alten, völlig überlasteten Schönefelder Bestandsflughafen und das neue Prestigeobjekt im Süden ergießen.

Deshalb wurden Dörfer umgesiedelt, deshalb hat die Verwaltung vorsorglich Straßen, Umgehungen, Radwege und Kreisverkehre angelegt. Sogar der Bau einer Autobahnausfahrt in Waltersdorf auf eigene Kosten wird erwogen, um ein drohendes Verkehrschaos abzuwenden.

Und was ist der Lohn? Schönefeld hat – ohne eigene Schuld – Berühmtheit erlangt als Synonym für Berlins „Pannenflughafen“. Für einen Pannenflughafen, der schon jetzt für zu klein erachtet wird; und der täglich eine Million Euro verschlingt, ohne dass in den leeren Hallen auch nur ein ratterndes Kofferkarussell angeworfen wird.

Müsste Udo Haase angesichts dieses Irrsinns nicht verzweifeln? Macht ihn das nicht zum unglücklichsten Bürgermeister im ganzen Land? Wenn man ihm in seinem Büro im dritten Stock des Rathauses die Frage stellt, dann lacht er leise. „Unglücklich?“, fragt er belustigt. „Nein, ganz im Gegenteil. Denn hier in Schönefeld funktionieren die Dinge. Hier bewegt sich etwas.“ Hier, das heißt: vor dem Zaun.

Natürlich kennt er die weltweiten Schlagzeilen über den BER. Von einem „nationalen Witzsymbol“, einer „Blamage für ein Technologie-Land“ schrieb die amerikanische Zeitung USA Today und widmete sich den Kaninchen, die über die stille Startbahn flitzen. Die Agentur Bloomberg spricht von einer deutschen „Sechs-Milliarden-Peinlichkeit“.

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