Unterwegs am Himmel über Berlin: In weniger als elf Monaten werden fast 60 Luftfahrtgesellschaften zum BER umziehen.
Foto: dpa/Soeren Stache

BerlinNicht mehr lange, dann soll der BER nach vielen Jahren Pleiten, Pech und Pannen endlich fertig werden. Doch einige Zeit später wartet schon die nächste Herausforderung: die Inbetriebnahme.

In weniger als elf Monaten wird die Autobahn zwischen Berlin-Tegel und Schönefeld in drei Nächten zum Schauplatz einer der größten logistischen Operationen, die diese Region jemals erlebt hat. In internen Papieren, die der Berliner Zeitung vorliegen, hat die Flughafengesellschaft FBB aufgelistet, wann 59 Airlines an ihre neuen Standorte umziehen sollen. Darin steht auch, dass es selbst bei Schwierigkeiten am BER kein Zurück nach Tegel mehr geben wird.

2012 drohte noch ein Desaster

Einige Mängel an den Kabeltrassen sind noch zu beseitigen, auch zwei Technikprüfungen sowie die Baufertigstellungsanzeige stehen noch aus. Trotzdem war der neue Hauptstadt-Flughafen seiner Fertigstellung noch nie so nahe wie jetzt. „Der Termin steht: Der BER öffnet am 31. Oktober 2020“, gab Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup bekannt. Es handelt sich um einem Sonnabend, der als Reformationstag und Halloween im Kalender notiert ist. Nebenbei: Lütke Daldrup wird dann 64 Jahre alt.

Manche Details teilte er schon mit. So soll der Umzug von Tegel zum BER in der verkehrsarmen Zeit nach den Herbstferien in drei Etappen stattfinden. Dennoch soll sich der damit verbundene Parallelbetrieb der beiden Flughäfen   nur etwas länger als eine Woche hinziehen. Ein Grund ist, dass sich Flugrouten überlappen und deshalb teilweise nicht nutzbar sind, was die Flugsicherung belastet. Auch fehlt der Flughafen-Feuerwehr Personal für einen längeren Doppelbetrieb. Die Berliner Feuerwehr muss ohnehin aushelfen.

Als der Umzug noch für die Nacht zum 3. Juni 2012 geplant war, sollten Personal und Geräte in einer einzigen Nacht verlagert werden. Sicher hatte Tegel damals ein Drittel weniger Fluggäste, weshalb es nicht ganz so viel Umzugsgut gegeben hätte. Doch auch bei diesem Thema muss man froh sein, dass der 2012-Termin abgesagt werden musste, weil das Projekt BER noch nicht so weit war.

Umzug kann störungsfrei organisiert werden

Denn laut FBB hätte der Zeitraum zwischen den letzten Abfertigungen in Tegel und den ersten Abfertigungen am BER „gerade ausgereicht“. Anders gesagt: Es hätte auch schiefgehen können. Inzwischen gibt es so viel Umzugsgut, dass ein Umzug in nur einer Nacht nicht mehr störungsfrei organisiert werden könnte.

Fluggasttreppen, Gepäckwagen, Vorfeldbusse – drei Beispiele für die vierstellige Zahl von Fahrzeugen, die aus eigener Kraft, geschleppt oder auf Lkw die 36 Kilometer lange Fahrt antreten werden. Ob die Autobahn von Tegel nach Schönefeld für die drei Umzugswellen gesperrt wird, ist noch ungewiss. Bliebe sie für andere Vehikel offen, müssten sich Kraftfahrer auf Stau einrichten, denn schnell wird der Flughafentross nicht sein.

Den Anfang machen in der Nacht zum 1. November 2020 neun Gesellschaften, die in Tegel zuletzt von 9,4 Millionen Passagieren pro Jahr genutzt wurden – allen voran Easyjet, die Airline mit den meisten Fluggästen in Berlin. Auch United, Delta, American Airlines, Qatar Airways, Turkish, Hainan, Scoot aus Singapur und die MIAT aus der Mongolei stehen auf der Liste. Alle Airlines ziehen ins zentrale Gebäude T1. Ihre Flugzeuge gelangen bereits am 31. Oktober tagsüber zum BER – in der Luft.  

Premieren werden gefeiert

Am Nachmittag landen am neuen Flughafen die ersten Maschinen. Vorher soll es „Zeitfenster für verschiedene, gesonderte Erstflugereignisse“ im Terminal T1 geben. Damit sind für den ersten Tag auch Starts absehbar. Der erste Passagier, der erste Abflug, der erste Langstreckenflug werden gefeiert. Easyjet wird die Premiere wohl dominieren.

Die zweite Umzugswelle ist für die Nacht vom 3. zum 4. November 2020 vorgesehen. An Dienstagen ist das Fluggastaufkommen ebenfalls relativ gering, so die FBB. In dieser Nacht ziehen 19 Airlines um, die   in Berlin zuletzt 10,9 Millionen Passagiere pro Jahr hatten.

Acht verlagern ihre Aktivitäten vom jetzigen Flughafen Schönefeld zum BER. So sind Norwegian und Wizz Air künftig im neuen Terminal T2 zu finden. Sie machen in Schönefeld, wo es bis 2030 Linienflugbetrieb geben soll, Platz für Ryanair und acht weitere Gesellschaften, die aus Tegel kommen. Eurowings und Vueling, heute ebenfalls in Tegel, ziehen nach T2.

Personal will nicht umziehen

Die dritte Umzugswelle ist für die Nacht vom 7. zum 8. November 2020 geplant. Nicht weniger als 31 Airlines mit insgesamt 9,6 Millionen Fluggäste pro Jahr in Berlin werden Tegel verlassen – zum Beispiel die Lufthansa, Austrian, Swiss, Air France, KLM, British Airways, LOT, Iberia und SAS, die alle am BER ins Hauptterminal ziehen.

Nicht ausgeschlossen, dass es am 8. November noch Starts in Tegel geben wird. Doch auf jeden Fall werden dort an diesem Tag „alle betriebsrelevanten Ressourcen abgezogen, und der kommerzielle Flugbetrieb wird eingestellt“, so die FBB. „TXL“ verschwindet auch aus dem Airport-Code des Dachverbands IATA – wie „SXF“ für Schönefeld, das bereits ab 25. Oktober nicht mehr vorkommt.

Doch was ist, wenn der Betrieb im BER nicht rundläuft? „Grundsätzlich wird der Rückumzug nach TXL bei Problemen im Terminal 1 nach angelaufenem Umzug ausgeschlossen“, heißt es in dem internen Papier.

Beobachter mahnen, dass diverse Probleme noch zu lösen sind, damit die Flughafen-Eröffnung kein Desaster wird. Eine Herausforderung wird sein, dass die drei privaten Bodenverkehrsdienstleister genug Personal finden, damit Koffer schnell verladen und Fluggäste zügig bedient werden. Zu hören ist, dass 20 bis 30 Prozent der Arbeitskräfte in Tegel nicht am BER arbeiten wollen.