Wie lange hält der Flughafen Tegel noch durch? Wie lange kann er es noch verkraften, dass es dort Jahr für Jahr voller wird? Das sind Fragen, die auch Katy Krüger und Lutz Tilgner ins Grübeln bringen, obwohl der Verkehrsleiter und die Chefin des Terminalmanagements alles über den wichtigsten Berliner Flughafen wissen. „Wir machen uns ernsthaft Gedanken darüber, wie es in den nächsten Jahren weitergeht“, sagt Krüger. So viel steht fest: „Wir arbeiten ständig und dauernd unter Volllast“, sagt Tilgner. Und ein Ende des Booms ist nicht in Sicht: Für dieses Jahr gehen die Vorhersagen von 19,4 Millionen Fluggästen in Tegel aus, das sind 1,2 Millionen mehr als 2012 und ein erneuter Rekord für einen Flughafen, der einst für zweieinhalb Millionen Passagiere pro Jahr entworfen wurde.

„Wir haben Engpässe in allen Bereichen“, berichtet Krüger, die mit ihrem Kollegen Tilgner während einer Vorlesung in der Reihe „Airport Campus“ über ihre Arbeit spricht. „Tagtäglich kommen wir an unsere Grenzen“, im Durchschnitt vier Mal.
Mehr als insgesamt 52 Starts und Landungen pro Stunde verkraftet Tegel nicht. Ginge es nach den Airlines, gäbe es noch mehr Flüge. Für die Morgenstunden haben sie allein jeweils bis zu 52 Starts angemeldet, aber die Terminals haben nur Platz für die Passagiere von 32 startenden Maschinen. „Die Nachfrage ist größer als unsere Kapazität“, bedauert Krüger. Darum gebe es auch nicht mehr Interkontinentalflüge. „Wir müssen leider Wünsche ablehnen.“

Zu wenig Parkplätze für Flugzeuge

Dann sind da noch die vielen speziellen Herausforderungen. Sie haben damit zu tun, dass sich Tegel nicht in der Provinz befindet, sondern in der Hauptstadt Deutschlands, und dass Prominente Schönefeld nicht zu mögen scheinen. Robbie Williams, jüngst Stargast bei der Bambi-Verleihung, wollte partout in Tegel abheben – obwohl der Flughafen dann schon zu war. Eine Genehmigung der Luftfahrtbehörde war zu besorgen. Tilgner: „Bis 23 Uhr trällerte Williams am Potsdamer Platz, um 23.22 Uhr war er schon in der Luft.“

Auch die Chefs großer Autohersteller, die zur Party des „Goldenen Lenkrads“ anreisten, wollten unbedingt in Tegel einschweben – mit 16 Business Jets. Doch für Privatflugzeuge gibt es kaum Standplätze. Weil die Auto-Manager aber nicht locker ließen, kam es zum Kompromiss: Die Jets landeten zum Aussteigen in Tegel, mussten jedoch sofort als Leerflüge weiter nach Schönefeld. „Ein ökologischer Irrsinn“, sagt Tilgner. Aber anders sei Privatfliegerei in Tegel nicht mehr möglich.

Schon der Linienbetrieb stoße an seine Grenzen. So können in Tegel nicht mehr als 48 Flugzeuge abgestellt werden, sagte der Verkehrsleiter. Morgens seien zuweilen schon mehr als 40 Plätze mit Flugzeugen besetzt, die in Tegel die Nacht verbracht haben. Und es gebe Tageszeiten, da wollen so viele Maschinen landen, dass über 50 Plätze gebraucht werden. „Glücklicherweise dürfen wir dann oft auf den militärischen Teil in Tegel-Nord ausweichen“, sagt Tilgner. Wenn wieder mal eine gecharterte Boeing 747 die Berliner Philharmoniker zur Welttournee abholt, sind gleich mehrere Standplätze belegt. Der A 380 okkupiert vier Positionen. Für so große Flugzeuge ist Tegel nicht gemacht.

2014 mehr als 20 Millionen Gäste

Lange Zeit wurde in TXL kaum investiert, jetzt wird wieder gebaut – für 17,5 Millionen Euro. Krüger freut sich vor allem, dass alle Toiletten saniert werden: „Die waren wirklich nicht mehr schön.“ Der Transferbereich, in dem Umsteiger ohne Visum auf ihren Anschlussflug warten, wurde bereits aufgehübscht. Er habe vorher „Knastcharakter“ gehabt. Reisende, die sich dort ablichten ließen, montierten Gitterstäbe in die Fotos – Satire aus Berlin.

Doch vieles lässt sich nicht so schnell verändern und manches gar nicht mehr. „Wir arbeiten mit betagten, störanfälligen Systemen“, erzählt Krüger. So seien noch Anwendungen des Computer-Betriebssystems Windows im Einsatz, die es außerhalb des Flughafens kaum noch gibt. Oder die Transfer-Gepäckhalle: Dort müssen die Koffer von Hand umgeladen werden. Eine schwere Arbeit, die anderswo von Technik erledigt wird.

Der Teamgeist sei das Geheimnis Tegels, ohne ihn würde TXL nicht mehr funktionieren, sagt der Verkehrsleiter. „Dieser Flughafen ist einzigartig, weil hier so viele tolle Menschen arbeiten. Tegel funktioniert vor allem über Emotionen.“ Es gebe auch andere Vorzüge wie die kurzen Wege: „Viele werden sie am BER vermissen.“

Für 2014 erwarten die Planer einen neuen Rekord: mehr als 20 Millionen Passagiere. „Dann“, sagt Tilgner, „kommt das Limit in Sicht.“