Der Anruf war wichtig. Florian Mausbach, ehemaliger Präsident des Bundesamtes für Bauwesen und Raumordnung, stand am Dienstagmittag gerade in der Küche, als ihn seine Frau ans Telefon rief. Berthold Beitz war in der Leitung. Der 98 Jahre alte Ehrenvorsitzende des Aufsichtsrats des ThyssenKrupp-Konzerns wollte Mausbach eine wichtige Mitteilung machen. Und zwar, dass der Technologiekonzern auf den umstrittenen Bau seiner Hauptstadtrepräsentanz direkt vor dem denkmalgeschützten Staatsratsgebäude in Mitte verzichtet.

„Herr Mausbach, wir bauen das nicht“, habe Beitz zu ihm am Telefon gesagt, berichtete Mausbach am Mittwoch dieser Zeitung. „Den Glaskubus vor dem Staatsratsgebäude?“, habe er Beitz gefragt. „Ja, wir bauen das nicht“, habe dieser daraufhin geantwortet.

Reaktion auf Bedenken an Bauprojekt

Beitz war nach dem Zweiten Weltkrieg lange Jahre Generalbevollmächtigter des Krupp-Konzerns. Nach dem Tod des Konzernlenkers Alfried Krupp amtierte er als Testamentsvollstrecker. Noch heute steht Beitz als Vorsitzender des Kuratoriums der gemeinnützigen Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung vor, die das Kruppsche Privatvermögen verwaltet. Die Stiftung ist die größte Einzelaktionärin des ThyssenKrupp-Konzerns.

Dass sich Beitz persönlich an Mausbach wandte, hatte einen guten Grund: Mausbach, Mit-Initiator des Freiheits- und Einheitsdenkmals, hatte sich in einem Meinungsbeitrag in der Berliner Zeitung gegen das Bauprojekt ausgesprochen und seine Bedenken auch Beitz mitgeteilt.

Areal soll frei bleiben

Der bei einem Wettbewerb prämierte Entwurf für einen Glaskubus, der nur in 14 Metern Abstand vor dem Staatsratsgebäude geplant sei, biete „das Bild eines seltsam außerirdischen Fremdkörpers“, argumentierte Mausbach – und schlug vor, ThyssenKrupp solle doch lieber die Schinkelsche Bauakademie rekonstruieren und dort mit seiner Hauptstadtrepräsentanz einziehen. Für diesen Vorschlag konnte sich ThyssenKrupp zwar nicht erwärmen, aber Mausbach zeigte sich am Mittwoch dennoch hocherfreut: „Ich begrüße die Entscheidung“, sagte er.

Das von ThyssenKrupp erworbene Grundstück solle nun frei bleiben, schlägt Mausbach vor. Am besten wäre es, wenn die Fläche im Zuge des anstehenden Wettbewerbs zur Gestaltung der Freifläche rund um das neue Berliner Schloss (Humboldt-Forum) gestaltet werde. Dieser Wettbewerb wird derzeit von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung vorbereitet. Dort ist die Information über die Entscheidung von ThyssenKrupp noch nicht angekommen. „Wir gehen nicht davon aus, dass das ThyssenKrupp-Haus nicht gebaut wird“, erklärte eine Behördensprecherin am Mittwoch. Aus städtebaulicher Sicht sei es allerdings auch nicht zwingend, das Areal zu bebauen, stellte sie fest.

Planungen an historischem Stadtgrundriss orientiert

Die Idee, direkt vor der nordwestlichen Seite des Staatsratsgebäudes einen weiteren Baukörper zu errichten, stammt aus der Amtszeit des früheren Senatsbaudirektors Hans Stimmann. Seine Planung orientierte sich am historischen Stadtgrundriss. ThyssenKrupp hatte das rund 737 Quadratmeter große Grundstück vor dem Staatsratsgebäude im Jahr 2007 erworben.

Den Wettbewerb für den Neubau des ThyssenKrupp-Hauses hatte das Hamburger Architekturbüro Schweger & Partner gewonnen. Neben Mausbach übte unter anderem die Gesellschaft Historisches Berlin Kritik an dem Projekt. ThyssenKrupp hatte bereits bei der Präsentation des Entwurfs am 26. Januar versichert, das Vorhaben nicht gegen den Willen der Berliner durchzuboxen. Eine offizielle Stellungnahme des Konzerns war noch nicht zu erhalten.