Nach der Eröffnung: ein erster Rundgang durch die neue Dauerausstellung. 
Foto: dpa/Christioph Söder

WannseeViele sind verantwortlich für den Mord an sechs Millionen europäischen Juden, es waren nicht nur „die NS-Schergen“ oder „das Nazi-Regime“. Die Mehrheit der Deutschen sah zustimmend oder schweigend zu, viele taten mit. Doch die fünfzehn Männer, die sich am 20. Januar 1942 in der Villa am Wannsee trafen, planten und koordinierten direkt die beschleunigte und möglichst vollständige Vernichtung der Juden. Es waren Vertreter der Reichs- und Besatzungsbehörden, der SS und der Polizei, viele von ihnen Juristen, Männer mit Kenntnis von Recht und Gesetz.

Von der Bildungsgesellschaft zu bodenloser Unmenschlichkeit

Auf spezielle Weise zeigt sich in der Villa am Wannsee der Kulturbruch von der bürgerlichen Bildungsgesellschaft zu bodenloser Unmenschlichkeit. An diesem Ort zu sein, macht einen schaudern. Immer wieder. 1992 öffnete die Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Jetzt hat sie eine neue Dauerausstellung, und sämtliche Redner der Eröffnungsfeier am Sonntag fanden eigene Worte, um den unheimlichen Charakter des Ortes zu beschreiben.

Michelle Müntefering, Staatssekretärin im Auswärtigen Amt, die den wegen der Libyenkonferenz entschuldigten Außenminister Heiko Maas mit überzeugender politischer Klarheit vertrat, sprach über die erschütternde Einsicht, dass diese 15 Männer sich ihres Tuns voll bewusst waren, als sie „detailliert, gründlich und gewissenlos“ die sogenannte Endlösung planten. Sie warnte wie auch der Berliner Kultursenator Klaus Lederer vor erstarkendem Judenhass. Deutschland werde den Kampf gegen Antisemitismus zu einem Schwerpunkt seiner EU-Präsidentschaft machen, sagte Frau Müntefering.

Die durch Zufall erhaltene Kopie des Sitzungsprotokolls, einziger Beweis, dass die Konferenz stattgefunden hat, liegt im Archiv ihres eigenen Hauses, des Auswärtigen Amtes. Ein Faksimile bildet den Dreh- und Angelpunkt der Ausstellung.

Ich habe überlebt mithilfe der Gemeinschaft. Wir haben nicht gezankt und geflucht. Wir haben den Stil des Lagers nicht übernommen. Wir blieben wohlerzogene Mädchen mit guten Manieren. 

Eva Fahidi, 94, Überlebende der Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau und Buchenwald

Der Text ist unmissverständlich: Die forcierte Auswanderung der Juden gehe zu langsam, nun sollte „nach vorheriger Genehmigung durch den Führer die Evakuierung der Juden nach Osten“ vorangehen. Weiter: „Im Zuge dieser Endlösung der europäischen Judenfrage kommen elf Millonen Juden in Betracht.“ Die Arbeitsfähigen sollten „in großen Arbeitskolonnen, unter Trennung der Geschlechter straßenbauend durch die Gebiete geführt“ werden, wobei „zweifellos ein Großteil durch natürliche Verminderung ausfallen wird“. Der „allfällige Restbestand“, müsse so „behandelt“ werden, dass sich keine Keimzelle jüdischen Neuaufbaus bilden könne.

Jeder sollte das kennen. Leugnen unmöglich. Und doch schwindet das Wissen um den Holocaust. Auch deshalb hielt die Gedenkstätte eine neue Ausstellung für notwendig:   Da weniger vorausgesetzt werden könne, sei mehr zu erklären, in einfacher Sprache, barrierefrei. Viele Schautafeln, viele Videomonitore. Man will sich Besuchergruppen öffnen, die bisher fernblieben.

Höckes spricht heute von „Saustall ausmisten“

Die Holocaust-Überlebende Eva Fahidi erzählt seit Jahren mit ihrer Lebensgeschichte gegen Unkenntnis und Legenden an. So sprach sie auch am Sonntag über ihre Ankunft in Auschwitz-Birkenau: Mehrere Züge voller ungarischer Juden kamen 1944/45 täglich dort an. „Es mangelte an allem – vor allem an Menschlichkeit. Die war nie eingeplant“, sagte Eva Fahimi an dem Ort, an dem der Holocaust geplant wurde.

Am 25. Januar 2019 saß Eva Fahidi im Thüringer Landtag, dem auch der AfD-Flügel-Rechte Björn Höcke angehört. Der wünscht sich eine „feste Hand“, die mit „starkem Besen“ den „Saustall ausmistet“ und schreibt, dass „wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind“. Höcke blieb sitzen, als der Holocaust-Opfer gedacht wurde.

Eva Fahidi sieht, wie der Judenhass eskaliert. „Mir bleibt nicht anderes übrig als bis zum letzten Atemzug für Empathie und Verständnis zu werben“, sagte sie am Sonntag. „Es lohnt sich, mit guter Laune gegen Hass und Angst zu arbeiten.“