Acht Wochen nach unserem Einzug waren die wichtigsten Bauarbeiten abgeschlossen – genau, wie es die Handwerker prognostiziert hatten. Allmählich gewöhnte ich mich an das Schaukeln des Schiffs, das interessanterweise weniger von den großen Lastkähnen ausgelöst wird, die langsam und ruhig an der „Helene“ vorbeiziehen. Die größten Turbulenzen entstehen, wenn kleine, fiese Motorboote mit überhöhter Geschwindigkeit und blonder Beifahrerin durchs Wasser pflügen. Dann bekommt man zuweilen den Impuls, sich festhalten zu wollen.

Ich staunte über die Geräuschkulisse in meinem neuen Heim: das Ächzen der Festmacherleinen, das Knacken des Parketts, das den Schiffsbewegungen nachgibt, das Rütteln des Windes, die Wellen, die an stürmischen Tagen gegen den Bug klatschen und uns sanft in den Schlaf wiegen. Ich erschrak über diverse Katzen, die nachts über unser Dach jagen, über das Trappeln der Krähen auf dem Dach und das Klappern von Enten- und Schwanenschnäbeln an unserem Schiffsrumpf, wenn sie die dort haftenden Algen verputzen.

Mein Lieblingsgeräusch ruft der Regen hervor, wenn er nachts auf unser Stahldach prasselt, am liebsten um die Wette mit dem Holz im Kaminofen.

Lichtertanz auf den Wellen

Am bemerkenswertesten ist das Licht auf einem Hausboot: Fast jeden Tag ist es da. Es kommt von allen Seiten, reflektiert sich auf dem Wasser, tanzt und glitzert auf den Wellen. Von dort hüpft es ins Innere des Schiffs, wo es flüchtige Motive an Decken und Wände wirft. Es entfaltet die faszinierend-beruhigende Wirkung, die gewöhnlich einem offenen Feuer zugeschrieben wird.

Wir hatten nun bereits die ersten Praxiserfahrungen im Hausbootwohnen sammeln können, ein Leben, das von regelmäßigem Basteln und Tüfteln, von Versuch und Irrtum begleitet wird. Das zeigte sich gleich bei unserer Toilettenspülung, für die wir eigentlich das Wasser aus dem Fluss nutzen wollten. Zunächst schien das auch zu funktionieren, doch binnen einer Woche war der Vorfilter der Wasserpumpe völlig mit Algen verstopft. Vorfilter ausbauen, reinigen, wieder einbauen – diese Prozedur hielten wir einen Monat durch, dann beschlossen wir, auf Trinkwasser umzusteigen. Das würde auch keinen Rand aus grünen Algen am Porzellan hinterlassen.

Kaum war das repariert, krachte auch schon unser improvisierter Landsteg zusammen. Ich war diejenige, die ihm den Rest gegeben hatte. Mittig war er auseinandergebrochen wie die von Max und Moritz angesägte Brücke unter Schneidermeister Böck. Mein Erschrecken war genauso groß wie meine Hoffnung auf einen neuen breiten Landsteg aus Metall. Von einem Schrotthändler erwarben wir verzinkte Roste und entsprechende Stahlprofile. Daraus wollte Felix etwas Haltbares schweißen lassen, doch bei den konkreteren Planungen erwies sich das Vorhaben als zu teuer und aufwendig.

Schreibtischblick auf Wasservögel

Die Roste dienen seitdem als XXL-Fußabtreter, der bis heute verwendete Landsteg entstand aus Holz. Er ist stabil, rutschsicher – und einen halben Meter breit oder schmal, je nachdem, wie vorsichtig man sich verhält oder wie alkoholisiert man ist. Ich werde nicht aufhören, auf ein stählernes Luxusmodell mit Handlauf zu hoffen.

Inzwischen waren auch unsere Möbel aufgebaut. Ausgiebig hatten wir um den perfekten Platz für den Schreibtisch gestritten. Zunächst hatte ich nachgegeben und mich mit dem Ausblick auf unsere Treppe begnügt, doch schon bald ergab sich die Gelegenheit, die Angelegenheit in meinem Sinne zu entscheiden – nun steht er vor dem großen Fenster im Schlafzimmer. So kann ich beim Arbeiten die Wasservögel sehen, jede Menge Schiffe, das in der Sonne glitzernde Wasser oder die Ringe der in die Spree fallenden Regentropfen. Manchmal staune ich über einen Sturm, der so kräftig über die Wasseroberfläche bläst, dass die Spree in die falsche Richtung zu strömen scheint.

Mein Sieg hat nur einen Nachteil: Da der Schreibtisch unverrückbar mit dem zu seiner Linken befindlichen Regal verbunden ist, kann ich das Fenster lediglich ankippen, nicht aber vollständig öffnen. Es gibt nun verschiedene Möglichkeiten, meinen Ausguck zu putzen. Entweder dreht man das gesamte Schiff mit dem Problemfenster zur Landseite, das ergibt sich nur selten. Zuweilen balanciert auch einer der sportlicheren Schiffsbewohner auf der Scheuerleiste und mit einem Seil gesichert dorthin und wienert, bis die Bordfrau halbwegs zufrieden ist. Oder man vertäut ein kleines Boot davor, von dem aus ich dann den Lappen schwingen kann.

Augenzeugen von Ermittlungsarbeiten

Auch ein Tretboot eignet sich dafür. Ein solches bemerkte Oscar eines Abends vor seinem Fenster. Es musste sich an der Ausleihe gegenüber der Insel der Jugend gelöst haben, etwa einen Kilometer stromaufwärts. Für die Fensterputz-Aktionen wäre es ideal gewesen. Meine Skrupel waren indes größer: Ich rief bei der Wasserschutzpolizei an und saß in der ersten Reihe, als die Beamten den Ausreißer einfingen.

Meist fällt das Treibgut kleiner aus: Flaschen schwimmen an unserem Schiff vorbei, mit und ohne Post, Bootskissen, Schuhe, Luftballons und immer wieder Bälle. Das ist für unsere Söhne sehr praktisch, es gibt keinen Ärger, wenn sie wieder mal einen Fußball ins Nirgendwo verschossen haben. Doch nicht alles, was der Fluss mit sich führt und sich dann zwischen Kaikante und Schiff verkeilt, erfreut den Bootsbesitzer. Dazu zählen verwesende Tiere, Flaschen und dicke Holzstücke, die klappernd an die Bordwand schlagen, und jede Menge Müll, den Menschen auf und am Fluss verlieren.

Menschliche Wasserleichen haben sich an der „Helene“ bislang nicht verkeilt. Unsere Nachbarn vom gegenüberliegenden Ufer konnten dagegen einen Vormittag lang mit dem Feldstecher die Tatortsicherung einer aus der Spree geborgenen Kofferleiche verfolgen. Auch in der Tiergarten schleuse gab es Leichenfunde. Eine soll bei ihrer Entdeckung halb im Wasser und halb an Land gelegen haben, was zu einer regen Diskussion über die Zuständigkeit führte – die Wasserschutzpolizei wollte den Fall gern an die auf dem Land tätigen Kollegen abgeben und umgekehrt.

Im Winter glüht der Saunaofen

Als der Sommer vom Herbst abgelöst worden war, sehnten wir uns nach einem Urlaub. An der Südspitze Italiens wollten wir das nachholen, was uns in den letzten Monaten entgangen war: im Wasser planschen und in der Sonne abhängen. Wir fuhren gerade mit einem Bus zurück zu unserer Unterkunft auf Ischia, einer Insel vor Neapel, als uns ein älteres Ehepaar bemerkte.

„Entschuldigen Sie, wohnen Sie auf einem Hausboot?“, fragte uns die Frau.

Sie hatte uns im Fernsehen gesehen und erkundigte sich nach dem Stand der Bauarbeiten. Wir amüsierten uns über unseren Bekanntheitsgrad und erzählten den beiden von unserer Sauna, die wir in einem ehemaligen Geräte-Aufbewahrungsraum hinter dem Badezimmer unterbringen wollten. Felix verwirklichte sich damit einen lang gehegten Traum: Bislang hatte er an jedem unserer Wohnorte überlegt, wo er eine Schwitzhütte aufstellen könnte. Selbst der kleinste und verfallendste Schuppen regte seine Fantasie an. Auf dem Schiff waren seine Wünsche zum ersten Mal realisierbar.

Jeden Wintersonntag glüht nun der Saunaofen, Brennstoff liefert ein Holzfäller aus Mecklenburg. Er hatte uns im Fernsehen gesehen und angeboten, uns zu beliefern. Er hievt dann die Säcke mit dem Holz auf unser Schiffsdach, direkt vor die Luke des ehemaligen Kohlebunkers. Rumpelnd gleiten die getrockneten Scheite dort hinein, bis zu zwei Kubikmeter finden dort Platz.

Wir mögen unseren winterlichen Besucher sehr gern. Wenn aber die ersten Frühlingssonnenstrahlen die Menschen dazu bringen, ihre Mäntel auszuziehen, verabschieden wir uns voneinander in dem Bewusstsein, dass uns allen eine wunderschöne Jahreszeit bevorsteht.

Exklusiver Vorabdruck aus dem Buch: Uta Eisenhardt, Vier Zimmer, Küche, Boot. Eine Familie zieht aufs Wasser. Delius-Klasing-Verlag, Bielefeld 2016. 244 S., 22,90 Euro.