Die Art und Weise der Berliner, ihre Häuser zu nummerieren, erstaunt noch heute viele Besucher und lässt selbst die Bewohner zuweilen verzweifeln. Nirgendwo sonst in Deutschland gibt es so ein Zahlen-Durcheinander, und das hat natürlich historische Gründe.

Sehr verkürzt könnte man sagen: Die Franzosen sind schuld an der numerischen Verwirrung. Denn die Hausnummern wurden nicht in Preußen erfunden, sondern sind ein Ergebnis der Französischen Revolution. Als in Paris 1789 die Republik ausgerufen wurde, sollte sich möglichst alles verändern. So wurden die Stadt erstmals in Arrondissements unterteilt und die Häuser durchnummeriert. Zu dieser Zeit hingen an den Berliner Häusern Namensschilder, Fahnen, Familienwappen oder Handwerkszeichen. Je schneller die Stadt wuchs, desto unübersichtlicher wurde sie. Es gab Probleme bei der Postzustellung, der Kriminalitätsbekämpfung und der Steuererhebung.

Dies missfiel dem Berliner Stadtpräsidenten Johann Philipp Eisenberg, der zugleich auch der Polizeidirektor der Stadt war. Im Januar 1798 schrieb Eisenberg dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. einen Brief, in dem er ihn um die Erlaubnis bat, Berlin nach dem Pariser Vorbild zu nummerieren.

1799 wurde dann das Hufeisensystem, also die fortlaufende Nummerierung jeder Straße, eingeführt. Allerdings haben weder Eisenberg noch der König daran gedacht, was zu tun ist, wenn die Stadt sich ausdehnt und die Straßen verlängert werden müssen. Die Industrialisierung Berlins führte genau dazu, also mussten die Straßen ständig neu nummeriert werden. Als 1805 Berlin endlich komplett durchnummeriert war, stellte die Pariser Stadtverwaltung bereits auf das Zickzack-System um. Der Vorteil dieses Systems besteht darin, dass eine Straße beliebig verlängert werden kann, ohne die bis dahin vergebenen Nummern ändern zu müssen.

In Berlin hielt man am alten System fest. Die Gemeinden im Umland allerdings (Schöneberg und Zehlendorf etwa) übernahmen das neue Zickzack-System. Da das Umland im Vergleich zum historischen Stadtgebiet immer größer wurde, gab es auch immer mehr Straßen, die solcherart nummeriert waren. Und als schließlich im Jahr 1920 die umliegenden Gemeinden mit dem historischen Stadtgebiet vereint wurden und die Einwohnerzahl der Hauptstadt sich von 1,9 auf fast vier Millionen verdoppelte, wurde 1927 schließlich das Zickzack-System zum neuen Standard erklärt.

Die Straßen allerdings, die bereits nach dem Hufeisen-Prinzip nummeriert waren, blieben so bestehen, weil eine komplette Neu-Nummerierung zu teuer gewesen wäre.

Erst 1936 änderte sich die Lage noch einmal, als die Nazis damit anfingen, die historische Mitte umzunummerieren. Begonnen wurde mit der Straße Unter den Linden, aber viel weiter kamen die Nazis nicht, weshalb bis heute die Linden eine Zickzack-Nummerierung haben, während die angrenzende Friedrichstraße fortschreitend nummeriert ist. Und auch später schlug sich der politische Wille weiter in der Straßennummerierung nieder: Die DDR-Regierung beschloss, Straßen mit monarchistischen oder militaristischen Namen umzubenennen. So wurde aus der Grenadierstraße 1951 die Almstadtstraße. Im selben Jahr wurde auch die Dragonerstraße in Max-Beer-Straße umgetauft. Mit dem neuen Namen wurde auch die Nummerierung verändert. Nicht mehr Hufeisen, sondern Zickzack.