POTSDAM - Andreas Hänel beschreibt die erste Begegnung mit der Dunkelheit in dieser Gegend wie ein ganz großes Abenteuer. Der Astronom und Chef des Osnabrücker Planetariums hatte vor einigen Jahren davon gehört, dass es in Westbrandenburg eine Region geben soll, in der es nachts fast so dunkel ist wie in den Weiten der namibischen Wüste. Dorthin pilgern Sternengucker aus aller Welt, weil sie den Nachthimmel so gut beobachten können. Warum so weit reisen?, fragte sich Hänel und machte sich auf die Suche nach der Düsternis im Osten der Republik.

Es war im Frühjahr 2009, er war mit seinem Auto unterwegs und sein Navi orientierte sich an einer „Lichtverschmutzungskarte“. Die zeigt an, wo der Mensch ganz viel Licht macht – beispielsweise in Großstädten – oder wo der Mensch die Natur einfach dunkel sein lässt – wie in entfernten Gebirgsregionen.

„Ich fuhr bei strahlend blauem Himmel los“, erzählt der 60-Jährige von der Vereinigung der deutschen Sternenfreunde. Je näher er dem erhofften Ziel kam, umso dunkler wurde es und die Straße wurde auch immer holpriger. „Irgendwann fuhr ich über eine Piste mit nur mit zwei Betonspuren. Es wurde noch dunkler. Und irgendwann zeigte mein Messgerät einen Wert, der mich wirklich überraschte. Einen solch dunklen Himmel hatte ich noch nie gemessen.“

Gut für Tiere und Touristen

Diese Begegnung mit der Dunkelheit war der Anfang vom Sternenpark Westhavelland. Hänel ist natürlich dabei, als am Mittwochvormittag in Potsdam der bundesweit allererste Park dieser Art offiziell anerkannt wird. Der gebürtige Kanadier Christopher Kyba von der Internationalen Gesellschaft zum Schutz des dunklen Nachthimmels (IDA) überreicht die Zertifizierungsurkunde an Brandenburgs Umweltministerin Anita Tack (Linke). Die Ministerin sagt, dass die Dunkelheit nicht nur gut sei für den Schlaf der Menschen und den Schutz von nachtaktiven Tieren, sondern dass die Dunkelheit in Form eines Sternenparks auch Touristen in die recht einsame Region bringen kann.

Christopher Kyba sagt, seine Gesellschaft sei eine Umweltorganisation. „Wir schützen aber keine bedrohten Tiere oder Wälder, sondern versuchen eine Zeit zu schützen: die nächtliche Dunkelheit.“ Als tagaktives Tier könne sich der Mensch oft nicht vorstellen, wie massiv Licht beispielsweise nachtaktive Tiere stört. Durch Licht sterben auch viele Insekten, weil sie von Lampen angezogen werden. Ein dunkler Sternenpark diente also auch der Erhaltung der Artenvielfalt.

Außerdem sei die Beobachtung des Sternenhimmels nun mal nur bei guter Dunkelheit möglich. Doch durch immer mehr Lampen im öffentlichen Raum sorge der Mensch weltweit dafür, dass der Nachthimmel jedes Jahr um drei bis sechs Prozent heller werde. „Es gibt Stadtkinder, die haben noch nie die Milchstraße gesehen“, sagt Kyba. Deswegen sei der Sternenpark so wichtig.

„Denn es gibt nicht nur ganz wenige Orte in Deutschland, an denen es ähnlich dunkel ist“, sagt er. „Weltweit gibt es keinen Sternenpark, der so nah an einer großen Stadt liegt.“ Deshalb gebe es auch die Hoffnung, dass ein winziger Bruchteil der Abermillionen Berlin-Besucher den Weg in den 65 Kilometer entfernten Sternenpark findet und dass Schulklassen aus ganz Deutschland zu Exkursionen kommen.

Seiner Organisation gehe es nicht darum, Städte in Dunkelheit zu tauchen. „Licht soll aber nur dort hin, wo es gebaucht wird. Zum Beispiel auf die Straße. Es ist unnötig, auch noch den Himmel zu beleuchten.“ Deutschland gehe schon lange recht sparsam mit Licht um. Das ist ein Vorteil. „Brandenburg kann hier nun der Welt zeigen, wie es möglich ist, eine gute Beleuchtung zu garantieren und gleichzeitig den Himmel sehen zu können.“

Echte Gefühle nur beim Original

Um dies zu ermöglichen haben sich zehn Kommunen freiwillig auf eine Beleuchtungsrichtlinie geeinigt. Das heißt: langfristig werden die Straßenlaternen so umgerüstet, dass sie nur noch auf den Boden strahlen. Es wird nur warm-weißes Licht genutzt, um Insekten nicht zu gefährden. Und das Licht soll nachts in den Dörfern etwas gedimmt werden. Außerdem werden die Anwohner motiviert, bei neue Lampen auf diese Prinzipien zu achten.

„Ich kann sofort losschwärmen wie schön der Himmel bei uns ist“, sagt Kordula Isermann. Sie ist die Chefin des Naturparks, in dessen Mitte sich nun der Sternenpark befindet. Früher habe sie der Blick zu den Sterne nicht sonderlich interessiert. Aber dann habe Andreas Hänel sie infiziert. „Es ist einfach fantastisch, wie plastisch die Milchstraße bei uns am Himmel aussieht.“ Es gebe auch Leute, die sich am Computer das Himmelsprogramm aus Planetarien ansehen. „Aber egal, wie perfekt die Technik ist“, sagt sie, „Das echte Gefühl hat man nur unter dem echten Himmel. Eine CD vom Konzert kann auch nicht das Konzert ersetzen.“