Ein Hebammenservice als Start-up, das klingt so, als wolle man wertvolle Ölgemälde künftig in Panini-Heften vermarkten. Irgendwie mag man sich nicht vorstellen, dass sich ein derart ganzheitlicher Dienst an der Gesellschaft in einer Smartphone-App oder auf einer Webseite platzieren lässt. Immerhin ist die Hebamme der einzige Beruf, der sich mit dem Entstehen einer Familie in all ihren Facetten beschäftigt. Doch wenn man mit Sabine Kroh spricht, sind derartige Bedenken schnell vergessen.

Die 47-Jährige ist eine gestandene Hebamme und keineswegs ein Digital Native. Seit 27 Jahren hilft sie Frauen dabei, ihre Kinder auf die Welt zu bringen. Und genauso pragmatisch entstand auch die Idee für ihr Start-up „Call a Midwife“, zu deutsch: ruf’ die Hebamme.

„Vor zwei Jahren habe ich in Berlin eine Frau aus der Ukraine während ihrer Schwangerschaft betreut“, erzählt sie beim Kaffee in Prenzlauer Berg. Die berichtete ihr von einer Freundin in Kiew, die ebenfalls schwanger war und viele Probleme hatte. „Schließlich saß ich jeden zweiten Tag vor dem Computer und habe mit ihr geskypt.“ Auch nach der Geburt habe sie ihr noch Ratschläge gegeben. „Einen Babypo kann man ganz gut in die Kamera halten“, lacht die Hebamme.

365 Tage im Jahr

Nach dieser Erfahrung überlegte sich Sabine Kroh, dass sie aus diesem privaten Gefallen eine Dienstleistung machen könne. „Call-a-Midwife.com“ war geboren. Frauen, die Fragen zu Schwangerschaft und Geburt, Stillen und Kinderpflege haben, können sich via Internet an 365 Tagen im Jahr von einer Hebamme persönlich beraten lassen. Außer Sabine Kroh gibt es noch drei weitere Kolleginnen, sodass auf Englisch, Deutsch, Türkisch und Russisch beraten werden kann. Gebucht werden können verschiedene Service-Pakete, die jedoch privat bezahlt werden müssen. Sabine Kroh will versuchen, über Spenden demnächst auch ein kostenloses Beratungsprogramm zu ermöglichen.

Doch noch steckt „Call-a-Midwife“ in Babyschuhen. „Die Webseite existiert seit April, wir versuchen, noch mehr Sprachen abzudecken, und eine Kooperation mit Gynäkologen ist auch geplant“, sagt Sabine Kroh. „Ich bin keine Computerexpertin, also geht alles erst nach und nach.“ Obwohl sie noch keine Werbung macht, sei ihr Angebot schon nachgefragt. Die meisten Frauen, die sie berät, sind in Berlin und freuen sich, dass sie für ihre Frage nicht erst lange Wege in Kauf nehmen müssen. „Ich habe früher schon häufig Fotos mit Fragen aufs Smartphone bekommen.“ Der Schritt ins Internet war also konsequent.

Expertenunterstützung für das Start-up

Mit dem Start-up könnte es nun noch schneller vorangehen, denn am 10. November hat sie beim Social Impact Lab, das vom Bundeswirtschaftsministerium und Unternehmen wie SAP und der Deutschen Bank unterstützt wird, einen sogenannten Pitch gewonnen. „Wir wurden unter 16 Teilnehmern ausgewählt“, erzählt Sabine Kroh. Jetzt gibt es Expertenunterstützung für ihr Start-up, das sie auch als zweites Standbein für die beteiligten Hebammen sieht.

Der Berufsstand kann Unterstützung gut gebrauchen. Die freiberuflichen Hebammen arbeiten mittlerweile in einem so extremen Spannungsfeld aus niedriger Entlohnung und immenser Verantwortung, dass viele von ihnen n den letzten Jahren ihren Beruf aufgegeben haben.

Geburtshilfe bietet auch Sabine Kroh seit zwei Jahren nicht mehr an. „Ich wollte einfach mal wieder ausschlafen“, sagt sie dazu. Allerdings hat ihr die Verdienstsituation die Entscheidung durchaus erleichtert. „Erst bei vier Geburten im Monat hat man überhaupt seine Kosten gedeckt“, rechnet sie vor.

Keine Romantik

Die Sicherstellungszuschläge, die die Krankenkassen zahlen, um die gestiegenen Haftpflichtprämien der Hebammen auszugleichen, reichten bei Weitem nicht aus. „Es ist eine Schande“, kommentiert Sabine Kroh die soziale Lage ihres Berufsstandes. Aussterben wird er ihrer Meinung aber nicht: „So lange es Sex gibt, wird es auch Kinder geben.“ Den Babyboom in Berlin hat sie in den vergangenen Jahren deutlich zu spüren bekommen – gerade wegen der Zuwanderung aus dem Ausland. Ihre Webseite hat genau deswegen einen englischen Titel.

Wobei man beim Googeln aufpassen muss. Wer ins Suchfeld „Call a Midwife“ eingibt, wird zuerst zur BBC-Serie „Call the Midwife“ geleitet, die das Leben und die Arbeit von Hebammen im England der Nachkriegszeit zeigt und sehr erfolgreich ist. Auch Sabine Kroh findet die Serie gut, „weil sie das Leben feiert“. Dennoch romantisiert sie ihren Beruf nicht. „E-Health ist die Zukunft“, sagt sie. „Wir werden bald alle mit unserem Hausarzt skypen.“ Mit der Hebamme kann man jetzt schon anfangen.