Berlin - Wer in Berlin eine Hebamme sucht, landet meist auf der Mailbox ihres Mobiltelefons. „Frauen müssen teilweise 50 Hebammen kontaktieren, bis sie eine finden“, sagt Susanna Rinne-Wolf, Vorsitzende des Berliner Hebammenverbandes. Die Stadt erlebt einen Babyboom, über 38.000 Kinder kamen voriges Jahr zur Welt. Doch die rund 1000 Berliner Hebammen können sich über diese gute Nachricht nur eingeschränkt freuen.

In Kliniken fehlt das Personal

Ihre Arbeitsbelastung ist gestiegen, zudem bieten immer weniger Hebammen Geburtshilfe außerhalb der Klinik an. Der Grund ist die hohe Haftpflichtprämie, die über 6 000 Euro im Jahr für eine freiberufliche Hebamme beträgt. Diese Kostenbelastung ist auch ein Thema der Bundeskonferenz der Hebammenverbände in dieser Woche in Berlin.

Als dramatisch schildert Rinne-Wolf die personelle Unterbesetzung in Krankenhäusern. „Hebammen müssen teilweise bis zu sechs Frauen im Kreißsaal betreuen“, sagt sie. Manche Krankenhäuser würden Frauen abweisen, die kurz vor der Entbindung stehen. In anderen Kliniken müssten sich Schwangere sechs Monate vor dem Termin zur Entbindung anmelden. Das liege auch daran, dass Hebammen tätigkeitsfremde Arbeiten übernehmen müssten. „Sie betreuen die gynäkologische Ambulanz mit. Sie werden zunehmend mit administrativen Tätigkeiten eingedeckt.“

Wolfgang Henrich, Direktor der Klinik für Geburtsmedizin der Charité in Mitte, spricht von „einem erheblichen Hebammenmangel in den Krankenhäusern“, auch wenn in Berlin die Situation nicht so besorgniserregend wie etwa in Süddeutschland sei.

„Die Stadt ist hochattraktiv für junge Menschen in Medizinberufen“, sagt Henrich. Jedoch werde viel zu wenig ausgebildet. „Es gibt Hunderte von Bewerbungen für zwei Dutzend Ausbildungsplätze“, sagt der Geburtsmediziner. Für die Charité stelle sich die Lage noch vergleichsweise gut da, zurzeit seien zwei bis drei von insgesamt 48 Stellen offen. Im Gegensatz zu anderen Häusern würden Schwangere in seiner Klinik nur selten abgewiesen – und in solchen Fällen ins Virchow-Klinikum der Charité verlegt. „Eine Lösung des Personalproblems könnte sein, dass mehr freiberufliche Beleghebammen in der Klinik arbeiten“, sagt Henrich. Diese Hebammen begleiten die Frauen bereits in der Schwangerschaft und sind auch während der Geburt dabei. Zudem entfällt für sie die Haftpflichtversicherung, die übernimmt das Krankenhaus. Doch für viele ist das Berufsbild der Beleghebamme nicht attraktiv: Der Grund: „Sie müssen Tag und Nacht erreichbar sein“, sagt Henrich.

Der Chefarzt kritisiert auch die Qualität der Ausbildung. So müssen Hebammen nicht im Krankenhaus gearbeitet haben, während Assistenzärzte dort ihre Qualifikation zum Facharzt erwerben. Die mangelnde Erfahrung von Berufseinsteigern könne vor allem bei Hausgeburten zum Problem werden. „Sie sind mit unkalkulierbaren Risiken und einer Verlegungsrate von circa 40 Prozent in die Klinik behaftet.“ Durch reproduktionsmedizinische Maßnahmen könnten inzwischen auch Frauen eine Schwangerschaft austragen, die von erheblichen Grundleiden wie Adipositas, Diabetes oder Herzerkrankungen betroffen sind. „Hebammen müssen die Schwangeren zunehmend intensiv geburtsmedizinisch betreuen“, sagt er. „Der Beruf muss aufgewertet und entsprechend bezahlt werden“, fordert Henrich.

Vermittlungsportal geplant

Berufseinsteigerinnen kommen auf etwa 1 700 Euro netto im Monat. Die Charité bietet Sonderzahlungen zum Ausgleich an. „Der Beruf ist wundervoll“, sagt Stephanie Noack, stellvertretende leitende Hebamme am Virchow-Klinikum und seit 22 Jahren an der Charité. „Aber mich belasten die Arbeitszeiten und die fehlende Anerkennung in der Gesellschaft“, sagt sie.

Verbessern soll sich immerhin die Situation der Schwangeren, die eine Hebamme suchen: Der Hebammenverband hat Lottomittel für die Einrichtung eines Vermittlungsportals beantragt.