Das erste Leben von Heidi Benneckenstein liegt in einer Kiste, verstaut auf dem Dachboden ihrer Großmutter. Der Inhalt ist „böse“, sagt sie. „Ich möchte mit dem Inhalt dieser Kiste nichts mehr zu tun haben“, schreibt die 25-Jährige in ihrem kürzlich erschienenen Buch „Ein deutsches Mädchen“.

Trotzdem erzählt sie die Geschichte von diesem ersten Leben. Eine Geschichte, die in diesen Zeiten wichtiger erscheint denn je. Sie sei gerade heute „relevant“, so die Münchenerin, „wo überall in Europa nationale Bewegungen an Zulauf gewinnen und sich viele Menschen fragen, wie es möglich sein kann, dass eine rechtspopulistische Partei wie die AfD in ein Parlament nach dem anderen einzieht.“

Ein Leben geprägt von Hakenkreuzen und Uniformen

Also ist sie auf den Speicher geklettert und hat die Kiste geöffnet: „Ich spürte, dass ich nur mit meinem ersten Leben abschließen konnte, wenn ich so viele Kindheits- und Jugenderinnerungen wie möglich zutage förderte, auch die unangenehmen und die grausamen.“ In der Kiste liegen NPD-Flugblätter, ihr „Ahnenpass“, CDs von rechtsextremen Bands wie „Stahlgewitter“ oder „Landser“. Heidi Benneckenstein ist in einer Neonazi-Familie großgeworden, der Großteil ihres Lebens war geprägt von Hakenkreuzen, Fackeln und Uniformen.

„Bis ich 18 war, kannte ich nur Nazis“, schreibt Benneckenstein. „Ich wurde von ihnen erzogen und aufs Leben vorbereitet. Ich wurde von ihnen geschlagen und drangsaliert, gelobt und belohnt.“ Ihr karges Kinderzimmer kommt ihr damals vor wie eine Gefängniszelle, ihre Kindheit ist bestimmt von Verboten. Sie muss Dirndl tragen, Jeans und T-Shirt sind genauso tabu wie Coca-Cola, McDonalds und alles vermeintlich Amerikanische. „Eigentlich war ich alles, nur nicht glücklich. Nie fühlte ich mich geborgen oder aufgehoben.“ Sie lebt in einer Welt, in der es nicht „Handy“ sondern „Handtelefon“ heißt, in der Knoblauch als „orientalisches Gewürz“ verboten ist, in der Juden verachtet werden und in der der Holocaust als „Lüge“ gilt.

Heidi und ihre Schwestern werden völkisch erzogen

Der Vater fordert Disziplin, Leistung und Gehorsam – allerdings nur gegenüber den Eltern und den Kameraden, nicht gegenüber den Lehrern oder Erziehern, die seiner Ansicht nach das Falsche lehren. Vor einem Besuch des KZs Dachau mit Heidis Schulklasse impft er ihr ein, welche Fragen sie stellen soll. „Wer wisse schon, ob in den Lagern wirklich Menschen verbrannt worden seien?“

Heidi und ihre drei Schwestern werden völkisch erzogen, schon im Kindergartenalter werden sie in „konspirative Ferienlager“ der „Heimattreuen Deutschen Jugend (HDJ)“ gesteckt. „Wir wurden militärisch gedrillt und ideologisch geschult“, schreibt Benneckenstein. Abends hören die Kinder Vorträge über „Rassenkunde“ oder „altgermanische Runenschrift“ und sehen den Nazi-Propaganda-Film „Der Ewige Jude“.

Die Teilnehmer sind Kinder von Akademikern, „Intellektuelle, Professoren, Zahnärzte, ein Haufen fanatischer Erwachsener, die ihrem Nachwuchs einbläuten, dass er die einzigartige Ehre besitze, in einer kranken Gesellschaft zu den wenigen Gesunden zu gehören.“ Benneckensteins Vater ist Betriebsinspektor, in dem kleinen Dorf bei München ist er ein angesehener Mann und als Mitglied im Schützenverein gut integriert. „Wer zu uns kam, konnte nicht ahnen, was für eine Gesinnung mein Vater hatte“, erklärt Benneckenstein. „Im Wohnzimmer hing keine Hakenkreuzfahne“. Bücher, die die NS-Zeit verherrlichen, Biographien von Nazi-Größen, liest der Vater im Keller oder im Fernsehzimmer unter dem Dach.

„Mein Vater trat wie ein Oberbefehlshaber auf“

„Mein Vater trat auf wie ein Oberbefehlshaber. Als wären wir nicht seine Töchter, sondern Soldaten.“ Ständig müssen die Mädchen in Wettkämpfen gegeneinander antreten. Nur die Gewinnerin konnte sich seiner Gunst sicher sein – bis zur nächsten Niederlage. „Einmal schlug er uns so heftig, dass er seinen Pullover ausziehen musste, weil er so schwitzte.“ Am liebsten sei dem Vater ohnehin die Deutsche Schäferhündin Baska gewesen: „Ich glaube, er hat sie mehr geliebt als alles andere – vielleicht deshalb, weil sie ihm immer gehorcht hat.“

Ein Vater, der tyrannisiert, eine Mutter, die wegschaut, zwei ältere Schwestern, die schon indoktriniert sind, Ferien in paramilitärischen Drill-Lagern: Heidi Benneckensteins Chancen, nicht auf den „rechten“ Weg zu geraten, waren mehr als gering. Die Familie zerbricht, die Eltern trennen sich. Als Jugendliche lebt Benneckenstein mal bei der Mutter, mal beim Vater, schafft mit Ach und Krach den Hauptschulabschluss, bricht eine Ausbildung zur Hotelfachfrau ab.

Sie kämpft gegen Punks und verprügelt einen Fotografen

Benneckenstein sucht die Orientierung und die Geborgenheit, die sie in der kleinen Neonazi-Familie nicht finden konnte, in der großen. Sie vollzieht die Metamorphose vom „zierlichen Mädchen, das mal unsicher, mal wütend“ ist, zur „gelangweilten“ Jugendlichen, die New-Balance-Schuhe und Harrington-Jacken als Teil der „Erdinger Kameradschaft“ trägt, zur rechtsextremen Schlägerin, die in die NPD eintritt, Punks bekämpft und einen „Zeckenfotografen“ verprügelt.

Der Mann hatte bei der Beerdigung eines Alt-Nazis Fotos von der Trauergemeinde gemacht „Als er vor uns herlaufend pausenlos auf den Auslöser drückte, entlud sich unsere Aggression von einem Moment auf den anderen“, schreibt Benneckenstein, die damals 16 Jahre alt war. Der Fotograf erleidet Rippenbrüche und Prellungen.

Es sei einer der Tage gewesen, für die sie sich heute am meisten schäme, so die 25-Jährige. „Es fällt mir schwer, die Erinnerungen, von denen ich weiß, dass es meine sind, mit der Person in Einklang zu bringen, die ich heute bin. Wenn ich daran denke, was ich früher gesagt, gedacht und getan habe, woran ich geglaubt und gezweifelt habe, schäme ich mich, aber vor allem bin ich wütend.“