Mit Keulen, Bronzeschwertern, Beilen sowie mit Pfeil und Bogen bewaffnet, stürmten Hunderte, vielleicht bis zu 2000 Männer in vermutlich zwei Heerhaufen durch die feuchte Niederung am Flüsschen Tollense aufeinander zu, schossen, schlugen, hieben und stachen los. Vielleicht war es ein Überfall, vielleicht ein Hinterhalt. Vorstellen muss man sich eine bewegliche Schlacht, die im Fern- und Nahkampf hin und her wogte, begleitet von Fluchtversuchen. Mindestens 140 Tote sind nachgewiesen, vielleicht waren es mehr als tausend.

Nicht einmal die Schlacht am Orontes kann da mithalten

Es war ein gewaltiger Kampf. Nirgendwo auf der Welt fanden Archäologen Nachweise für ein älteres Schlachtfeld dieser Dimension – und das gar nicht so weit weg von Berlin, in der Nähe von Neubrandenburg. Ein bronzezeitlicher Krieg wächst zum spektakulären Teil der Heimatgeschichte. Die Forscher datieren das Geschehen auf etwa 1300 bis 1250 vor unserer Zeitrechnung. Wertvolles blieb nicht auf dem Schlachtfeld zurück. Keine Waffen, Gürtelschnallen, Kleidungsreste – die Sieger plünderten gründlich. Nur wenige kostbarere Objekte konnten Taucher aus dem Fluss bergen.

Nicht einmal die Schlacht am Orontes, wo 1274 v. u. Z., etwa zur gleichen Zeit wie an der Tollense, zehnmal mehr Krieger aufeinander stießen – die Heere von Pharao Ramses II. und des Hethiterkönigs Muwatalli II. – kann da mithalten: Diese kennt man zwar von ägyptischen Papyri und Reliefs sowie hethitischen Keilschrifttontafeln, aber der archäologische Nachweis fehlt.

Ganz anders im Tollense-Grabungsfeld: Seit ein Hobbyarchäologe 1996 am Ufer des Flüsschens die erste Holzkeule und einen Armknochen fand, in dem eine steinerne Pfeilspitze steckte, gruben Profis „fast unvorstellbare Funde“ aus, wie es der Landesarchäologe von Mecklenburg-Vorpommern Detlev Jantzen begeistert sagte. Und die internationale Forscherwelt wandte ihr Interesse mit wachsendem Staunen der scheinbar abgelegenen Gegend zu.

Funde zeugen von stumpfer Gewalt

Erst etwa 20 Prozent des Schlachtfeldes sind ausgegraben. Zum Vorschein kamen bisher mehr als 12.000 Knochenfunde, meist von Menschen, selten auch von Pferden, ein Bronzeschwert, hölzerne Keulen, Dutzende Pfeilspitzen aus Feuerstein und Bronze (mit Aufstecktülle), Beile, Messer. Gold- und Zinnringe stammen aus Schichten im Fluss.

Gundula Lidke, seit 2009 Projektkoordinatorin der Tollense-Erkundungen, promoviert mit dem Thema „Gewalt in der Steinzeit“, stellte kürzlich in einem Vortrag den jüngsten Stand der Forschungen vor, die als klassische Grabung an Land und als Unterwassersuche durch Taucher stattfinden. Letztere stießen 2013 auf den Superfund: einen Schädel mit darin steckender bronzener Pfeilspitze. In der Tülle fand sich Holz des Pfeils – enorm wertvoll für die Datierung. Es stammte aus der Zeit knapp vor 1300 v. u. Z.

Gundula Lidke spricht von einer nie gesehenen Knochendichte in einer 30 Zentimeter mächtigen Schicht am Hauptfundplatz. Die Fundstreuung insgesamt erstreckt sich über drei Kilometer. Es handelt sich fast ausschließlich um junge Männer im Alter von 20 bis 40 Jahren, die meisten jünger als 30. Viele trugen frische Wunden, manche auch alte aus früheren Schlachten. Viele Knochen weisen für Pfeileinschüsse und Stichverletzungen charakteristische Marken auf. An Schädeln sind typische Einbrüche erkennbar, die von stumpfer Gewalt zeugen und womöglich von Keulenhieben stammen.

„Sie lagen, wo sie fielen“

Hinweise auf den Schlachtverlauf gibt die Verteilung der Funde. Die ersten konzentrieren sich an einer Engstelle des Tals, dann liegen die Knochen mal mehr, mal weniger dicht, über drei Kilometer Richtung Norden, also in Fließrichtung. Dort fand man sie meist dicht am Ufer. Die wichtigste Fundstelle ist in der Nähe der Ortschaft Weltzin in einer Flussbiegung zu lokalisieren. Hier findet sich die dicke Knochenschicht, aus der die meisten der bislang entdeckten Opfer stammen.

Gundula Lidke ist überzeugt, dass für die allermeisten Skelette ein klarer Zusammenhang mit der Schlacht besteht und dass es nur eine Schlacht gab, keine Abfolge von Jahre auseinanderliegenden Einzelgefechten. Jüngste Funde sprechen dafür, dass das Schlachtfeld über Kilometer drei hinausgehen könnte.

In mühsamer Puzzlearbeit konnten Spezialistinnen am Landesamt für Kultur und Denkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern mit anatomisch geschultem Blick, zum Beispiel für zueinanderpassende Becken-, Arm- oder Beinknochen, 140 Individuen rekonstruieren. Man fand die Teile der Personen mehr oder weniger nah beieinander. „Wo sie fielen, sind sie liegengeblieben“, schlussfolgert Gundula Lidke, „sie wurden nicht durch den Fluss verstreut“.

Keine lokale Clansache

Anders als auf Schlachtfeldern andernorts fanden sich keinerlei Fraßspuren wilder Tiere wie Bären oder Wölfe an den menschlichen Skeletten. Vielleicht folgte der Schlacht sehr schnell eine Überschwemmung, vielleicht fraßen sich die Tiere an Toten satt, die sie an den Talhängen fanden. Vielleicht war Hochsommer und die Fliegen waren schneller. Viele Rätsel. Aber es gibt größere. Für die Geschichte zentrale Fragen lauten: Wer waren diese Männer? Woher kamen sie? Warum gingen sie aufeinander los? Warum an dieser Stelle?

Die Forscher bauen ihre Thesen auf Indizien. Jede Spur bringt sie der Wahrheit näher. Die genetischen Analysen laufen noch, auch langwierige Isotopenuntersuchungen, die genauere Auskunft über die Herkunft geben können. Erste Ergebnisse der Untersuchungen von Zähnen und Knochen der Kämpfer verweisen auf eine ethnisch gemischte Truppe. Auch diese Test bewiesen: Es waren alles Männer, manche mit unter 20 Jahren sehr jung. Auf verwandtschaftliche Nähe weist bislang nichts hin. Gundula Lidke schlussfolgert auch aufgrund der vielen Beteiligten: „Das war keine Clansache.“

Die Prähistorikerin Helle Vandkilde aus dem dänischen Aarhus stellte im Magazin Science die These auf: „Das war eine Armee wie die in Homers Epos beschriebene: bestehend aus kleineren kriegerischen Banden, die sich zusammentaten, um Troja zu plündern.“

Machtzentrum im heutigen Sachsen-Anhalt

Fest steht, dass sich die Ackerbauwirtschaft im heutigen Nordosten Deutschlands vor 3000 Jahren durchgesetzt hatte. Die Gegend dürfte nach Schätzungen aber mit drei bis fünf Menschen pro Quadratkilometer sehr dünn besiedelt gewesen sein. Regional konnte man so viele junge Männer wohl nicht zusammenziehen. Außerdem: Solche Heergrößen verlangen Organisation und Anführer. Die neuen Werkzeuge der Bronzezeit ermöglichten größere Ausbeute bei Jagd und Ackerbau; Gesellschaften konnte Reserven aufbauen, Reichtum anhäufen, Eliten bilden. Bislang gibt es keine Hinweise auf die Anführer der Tollenseschlacht – außer vielleicht etliche Pferdeknochen. Wenn jemand beritten war, dann ja wohl die Kommandeure.

Herrschten diese Chefs über Reiche? Gab es in der Nähe des Schlachtfeldes eine größere Siedlung? Üppig ausgestattete Gräber hat man im Land schon gefunden, Fürstengräber noch nicht. Der Hallenser Archäologe Harald Meller kommt nach langer Erforschung der etwa 4000 Jahre alten Himmelsscheibe von Nebra und zahlreicher weiterer Funde zu dem Schluss, es müsse im heutigen Sachsen-Anhalt ein Machtzentrum gegeben haben.

Die Brücke am Fluss

Was aber zog die Krieger an die Tollense? Die Archäologen fanden 2012 am Ausgangspunkt der Schlacht einen Flussübergang, der lange zuvor und noch bis ins Mittelalter bestand. Es muss zur Bronzezeit eine Art Damm, dann wahrscheinlich verbunden mit einer Holzbrücke, gewesen sein. Man fand Hölzer, die älter waren als die Schlacht und jüngere. Sicherlich führte ein Handelsweg durch die Talaue. Ging es um die zeitprägende Bronze? Die Rohstoffe dafür? In der Region gab es die Bronzezutaten Zinn und Kupfer nicht.

Was auch immer die Beute war – wir sehen den frühesten Beleg für einen großen Gruppenkonflikt, die Anfänge des organisierten Krieges. Neue Grabungen sind geplant. Momentan fehlt die Finanzierung. Doch das Abenteuer soll weitergehen, Arbeit für 20 Jahre gibt es noch, meint Gundula Lidke. Urgeschichte vor der Haustür, spannend wie in Ägypten.

Die Tollense-Schlacht ist Teil der im Wortsinn wundervollen Ausstellung „Bewegte Zeiten. Archäologie in Deutschland“ – nur noch bis zum 6. Januar im Gropiusbau.