Pinnow - Über einen Monitor verfolgt Volker Aland, wie die Greifarme der Maschine kleine Kupferkegel aus schlanken metallenen Hülsen herausheben und auf ein Förderband stellen. Die goldgelb glänzenden Metallzylinder sehen aus wie fein aufpolierte Bausätze aus dem Handwerkskasten eines Klempners.

Aber es ist kein harmloses Baumarkt-Sortiment. Es sind hochexplosive „Bomblets“, die als Streumunition in Geschosshülsen montiert sind. Volker Aland ist Delaborierer – also Munitionsentschärfer. Er macht die Bomben mit Hilfe einer vollautomatischen Maschine in der Munitions-Entsorgungsfirma Nammo Buck GmbH in Pinnow (Uckermark) unschädlich.

Als Delaborierung wird in der Branche der Rückbau scharfer Munitionseinheiten in ungefährliche Einzelteile bezeichnet. Und so zerlegen denn Volker Aland und seine Kollegen unter hohen Sicherheitsvorkehrungen geächtete oder ausrangierte Kriegswaffen wie Bomben, Raketen, Minen sowie Streu- und Signalmunition, aber auch illegales Feuerwerk oder explosive Abfälle aus der Airbagproduktion.

Ein Toter nach Explosion

Die Berliner Zeitung hatte vor wenigen Tagen die Gelegenheit, den Betrieb im Nordosten des Landes zu besichtigen. Die Sicherheitsvorkehrungen, unter denen dort gearbeitet wird, waren beeindruckend. Mit welchem Risiko die Arbeit dennoch behaftet ist, zeigte sich aber besonders schmerzlich am Freitag bei einer schweren Explosion im Spreewerk Lübben, einem ähnlichen Betrieb im Landkreis Dahme-Spreewald. Ein Mitarbeiter wurde tödlich verletzt.

Veröffentlichte Luftaufnahmen der Polizei zeigen, dass das Ausmaß der Zerstörungen an einem der Gebäude, in dem sich ähnliche Demontage-Labore wie in Pinnow befinden, erheblich ist. Bis zum Sonntagabend konnten die Experten, die den Unfall untersuchen, noch keine Angaben zu den Ursachen machen.

Arbeiten unter höchster Sicherheit und Achtsamkeit

Aber die Worte des Pinnower Schichtleiters Frank Werner während unseres Besuchs in dem Betrieb in der Uckermark bekommen angesichts des tödlichen Unglücks nachträglich ein besonders Gewicht. „Das ist hier kein Pappenstiel. Das ist Arbeiten unter höchster Sicherheit und Achtsamkeit. Die Abläufe müssen penibel eingehalten und stets aufs Neue verinnerlicht werden“, sagte der Vorarbeiter.

Die computergesteuerte Anlage zur Demontage der tödlichen Geschosse steht in Pinnow in einer sogenannten Sicherheitszelle. Das ist ein von dicken Stahlbetonwänden umgebener Raum, in dem sich während der unmittelbaren Zerstörung der Munition keine Menschen aufhalten. Die verfolgen von außerhalb per Kamerablick die Abläufe

Vor allem Streubomben werden zerstört

Frank Werner, der Mann aus dem benachbarten Schwedt, hat zu DDR-Zeiten auf dem weitläufigen Gelände nahe der polnischen Grenze gelernt und gearbeitet. Damals wurden sowjetische Raketen dort von der DDR-Armee gewartet und auch eigene militärische Flugsysteme entwickelt. Nach der Wende wurde der Betrieb zu einem Beispiel für gelungene Konversion – also der Umstellung auf zivile Produktion –, weil dort 160.000 Tonnen Munition aus Beständen der NVA- und Sowjetarmee entsorgt wurden.

Der hochspezialisierte Elektromonteur Frank Werner ging wie viele seiner Kollegen mit den sich verändernden Zeiten. „Ja, wir haben die Raketen zusammengeschraubt, die wir später wieder verschrottet haben“, sagt er. „Aber beim Auseinandernehmen hat man insgesamt schon ein besseres Gefühl.“

In den neunziger Jahren stieg der norwegisch-finnische Staatskonzern Nammo in den Betrieb ein. Das weltweit operierende Unternehmen – das ist die zweite Seite der Medaille – ist ein Waffenproduzent, der die Nato-Armeen beliefert. In Pinnow aber nutzt er das vorhandene technische und auch personelle Know-how, um weiterhin Rüstungsgüter zu beseitigen und zu recyceln.

Seit Jahren werden vor allem Streubomben zerstört. Sie gelten seit der Osloer Konvention 2010 als geächtet. Bis Anfang des Jahres traten dem Vertrag 102 Staaten bei.

So wird die Munition demontiert

Gegenwärtig demontieren die Pinnower Munitionsbeseitiger Munition aus der Schweiz. Wenn die Explosivstoffe aus den Hülsen entnommen sind, schneidet eine in der Firma entwickelte automatische Anlage die Zünder von den Minibomben. Erst dann können sie kein Unheil mehr anrichten. Erst dann öffnet sich auch wieder die Schleusentür zur Sicherheitskammer und Volker Aland kann die Einzelteile bedenkenlos einsammeln.

Der Sprengstoff, der nun nicht mehr von allein zünden kann, wird in einem großen Panzerofen verbrannt. Kupfer, Aluminium und Stahl werden später bei Auktionen an Schrotthändler versteigert. „Wir sorgen dafür, dass die Munition nach hohen ethischen und ökologischen Standards entsorgt wird und nicht in falsche Hände gerät, sagt Geschäftsführer Christoph Rüssel.

Aufrüstung sorgt für Entlassungen

Das Geschäft des Bombenrecyclings lief nach dem Inkrafttreten des Osloer Abkommens richtig gut. Seit geraumer Zeit bekommen die Pinnower Waffenverschrotter aber zu spüren, dass die zunehmenden regionalen Kriege und Konflikte die Bereitschaft zur Zerstörung von Munition wieder erheblich sinken lässt. So musste die Belegschaft von etwa 100 Mitarbeitern im Jahr 2016 auf derzeit 31 Kollegen reduziert werden. Einige Räume des Produktionsgebäude sind derzeit verwaist.

Aber in einer ansonsten leeren großen Halle steht eine sieben Meter lange Kiste, in der eine Rakete der Marine auf ihre Zerlegung wartet. „Bevor wir da ran gehen, werden wir in unserem Technikerteam ein detailliertes Konzept über jeden einzelnen Arbeits- und Sicherheitsschritt erstellen“, sagt Vorarbeiter Werner. Man spürt, dass der besonnene Mann die neue Herausforderung durchaus schätzt, zugleich aber auch höchsten Respekt hat.