Es ist dunkel. Der Heimweg führt wie üblich am Park vorbei – doch diesmal schlägt ein Mann mit Kapuze den gleichen Weg ein. Was tun?

Schneller gehen und ihn so erst auf sich aufmerksam machen? Eine Freundin anrufen? Um 3 Uhr nachts? – Die 33-jährige Anne Barten kennt solche Situationen aus eigenem Erleben. „Früher habe ich dann meinen Mann aus dem Bett geklingelt“, sagt die IT-Beraterin. Heute würde sie mit ihrem Handy immer die 030-120 74 182 wählen – die Nummer des Heimweg-Telefons.

Drei Jahre ist es her, dass zwei Berlinerinnen die Idee hatten, Menschen nachts auf dem Heimweg telefonisch zu begleiten und ihnen damit das mulmige Gefühl zu nehmen, das viele in der Dunkelheit befällt. „In Schweden gibt es so ein Projekt schon länger“, sagt Anne Barten, die ehrenamtlich beim Heimweg-Telefon arbeitet. „Dort ist das bei der Polizei angesiedelt.“

Seit Köln ist alles anders

2013 nahm das deutschlandweit erreichbare Telefon seine Arbeit auf.

Doch der Service der Unternehmensberaterinnen Frances Berger und Anabell Schuchhardt kam nur eine kurze Zeit an, dann ebbten die Anrufe wieder ab, und kurz vor Silvester 2015 – zwei Jahre nach der Gründung – stand das gesamte ehrenamtlich organisierte Heimweg-Telefon schon wieder vor dem Aus.

Dann kam der Jahreswechsel 2015/2016. In Köln und anderen Städten gab es in der Silvesternacht etliche Übergriffe auf Frauen, und mit einem Mal wurde das Angebot eines nächtlichen, telefonischen Begleitservices massenhaft in den sozialen Netzwerken geteilt. „An einem Abend im Januar gingen mit einem Mal 100 Anrufe bei uns ein“, sagt Anne Barten, die seit Herbst 2015 dabei ist, „darauf waren wir gar nicht vorbereitet, wir konnten nur 50 annehmen.“ Plötzlich hatte die Hotline keinen Mangel mehr an Anrufern, sondern einen Mangel an Mitarbeitern.

Dieser ist nun beseitigt. 50 vornehmlich jüngere Leute aus dem gesamten Bundesgebiet unterstützen das Heimweg-Telefon, das donnerstags von 20 bis 0 Uhr und freitags und sonnabends von 20 bis zum nächsten Morgen 4 Uhr geschaltet ist. Einer dieser Freiwilligen ist der Berliner Philipp Fuchs. Der junge Mann ist 29, lebt in Weißensee und ist seit drei Monaten dabei. Ein Mal pro Woche – manchmal auch öfter – hat er Dienst und nimmt über seinen Rechner Anrufe entgegen. Er sagt, er fände die Idee gut, auf so einfache Weise jemandem zu helfen. „Ich kann gut mit Menschen und bin niemand, der schnell ängstlich wird.“ Zudem gehe er gerade nicht arbeiten und habe deshalb Zeit. „Ich hatte auf Facebook davon gelesen und habe mich beworben“, sagt er.

Wie alle Mitarbeiter musste auch Philipp Fuchs ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis vorlegen, einen Fragebogen ausfüllen, sich per Skype einem Bewerbungsgespräch unterziehen und sich den Helferleitfaden aneignen mit Tipps, wie auf entsprechende Probleme zu reagieren ist. Alles in allem, so die Idee, solle das Gespräch klingen wie ein Telefonat zwischen Freunden.

„Meist sind es junge Frauen zwischen 18 und 22, die anrufen“, sagt Philipp Fuchs. Viele rufen an, weil sie überzeugt sind, dass sie verfolgt werden. „Ich frage dann, wo sie gerade sind und schaue bei Google Maps nach. Danach quatschen wir.“ Wichtig sei, dass die Anruferin beruhigt werde. Er selbst, sagt Philipp Fuchs, betrachte sich als „Zwischending zwischen gutem Freund und Polizei“.

Das Heimweg-Telefon, bei dem ein Anruf die ortsüblichen Gebühren kostet, finanziert sich über Spenden, ein Unternehmen sponsert derzeit für ein Jahr die Telefonanlage. Rund 20 Anrufe gehen derzeit in einer Schicht ein, 90 Prozent der Hilfesuchenden sind Frauen. „Die kürzeste Gesprächsdauer waren zwei Minuten“, bilanziert Anne Barten, „es gab aber auch mal ein Gespräch, das zwei Stunden gedauert hat.“

Keine Seelsorge

Ein einziges Mal hätten die Helfer die Polizei alarmieren müssen, aber nicht, weil jemand tatsächlich verfolgt wurde. „Wir hatten eher Sorge, dass sich die Anruferin selbst etwas antut.“ Es komme schon mal vor, dass sie mit der Telefonseelsorge verwechselt würden, sagt Anne Barten. „Diese Nummern können wir aber herausgeben, wenn das gewünscht ist.“

Die Resonanz auf das Heimweg-Telefon sei sehr gut, erzählt die Mitarbeiterin. Auf der Facebook-Seite werde der Service oft gelobt.

„Eine Anruferin ist selbst zur ehrenamtlichen Mitarbeiterin geworden.“ Und einmal wollte eine Anruferin sogar ihren Helfer persönlich kennenlernen. „So etwas vermitteln wir aber nicht.“

Heimweg-Telefon: Do 20 bis 0 Uhr, Fr/Sa 20 bis 4 Uhr unter 030-12074182, weitere Infos im Netz unter www.heimwegtelefon.de.