Berlin - Alles, was gut war, das kommt mal zurück, hat Hildegard Knef in ihrem Song „Heimweh nach dem Kurfürstendamm“ gesungen, den ich in den vergangenen Monaten der Pandemie immer wieder gehört hatte. Doch als ich mich nun endlich aufgerafft hatte, mit der Bahn gen Halensee gefahren war und dann um neun in der Früh auf dem Rathenauplatz  stand, also am Anfang des Kurfürstendamms, spürte ich vom Guten nichts. In der Mitte des Platzes umringten scharfkantige Marmorbruchstücke die Skulptur der beiden einbetonierten Cadillacs wie eine feindliche Festung, und ihr Grau spiegelte sich im Zwölfstöcker gleicher Farbe gegenüber. Dessen kleine Schießschartenfenster hinter Bollwerkbalkonen funkelten böse und schwarz.

Am Tag meines Ausflugs, es war der vergangene Mittwoch, wurde der Kudamm 135 Jahre alt, und ich hatte es am Morgen als gutes Omen genommen, dass Deutschlands Inzidenzwerte und auch die in Berlin erneut gefallen waren. Würde ich Aufbruchstimmung spüren auf dem Boulevard? Würde man diesen Tag irgendwie festlich begehen, als eine Prélude des herbeigesehnten Sommers? Wer, wenn nicht er, der Kurfürstendamm, dachte ich. Schließlich bezeichnete ihn das offizielle Hauptstadtportal als „nicht nur die meistbesuchte, sondern auch die meistdiskutierte Straße Deutschlands“. Da musste dann doch schon was los sein, am Ende der dritten Welle.

Für besonders hatte man sich auf dem Kudamm immer schon gehalten. Selbst die Fahrschule am Rathenauplatz, dem Anfangspunkt meiner Wanderung entlang der dreieinhalb Kilometer langen Straße, nannte sich „Exklusiv“. Und an einem leergeräumten TechnoGym hing ein Schild mit „Nicht zu vermieten!“, gezeichnet von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Von Natur und Kampf gegen globale Erwärmung war weniger zu bemerken, von Verkehr dagegen umso mehr: Den Platz umkurvten Wagen auf mehreren Spuren, als wären sie auf der Flucht. Unten rauschte die Stadtautobahn, und in den Bäumen hingen leere Rewe-Tüten. Ansonsten keine Menschenseele. Immerhin wuchsen vor dem Gym Löwenzahn und Ampfer aus dem Stein. In diese laute Stille hinein lief ich los, in der Hoffnung, ein wenig früherer Normalität zu finden, einen Schimmer von Berliner Tempo, Betrieb und Tamtam, wie es in Hildegard Knefs Lied heißt.

Eine Aufforderung an den Kudamm, sich mehr herauszuputzen

Für Mai war es kalt. Die Sonne zeigte sich kaum. Das erste alte und mondäne Haus linkerseits beherbergte in hellem Olivgrün die, die auch den weiteren Verlauf des Boulevards prägten: Schönheitsärzte und Wirtschaftsjuristen. Auf den Klingelschildern waren die Namen von Anwälten zu lesen. Im Erdgeschoss residierte ein Zentrum für plastische Chirurgie. „Fett Absaugen“, „Facelifting“, „Permanent Make Up“ stand an der Scheibe, was sich wie eine Aufforderung an die Straße las, sich mehr herauszuputzen, wenn Corona ihr nicht weiterhin die Show stehlen sollte. Das dachte sich ein Kfz-Pfandleihhaus zwei Steinwürfe weiter auch und präsentierte einen garantiert gelifteten Porsche mit Baujahr 1996 für 189.000 Euro.

Die wenigen Passanten schritten langsam, schauten sich gegenseitig ins Gesicht, für einen Moment zumindest. „Wer wird überleben? Die Zukunft von Natur und Mensch“ lag als Titel im Fenster eines Buchladens, daneben „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“. Wirklich und echt war jedenfalls das über einen Meter lange Modellbau-Kriegsmarineschiff mit aufgemalten Hakenkreuzen ein paar Schritte davor in einem Trödelladen. Andere Kreuze, zehn christliche in Weiß, standen in einer der Glasvitrinen auf dem Trottoir und erzählten eine Geschichte, die ich nicht verstand. Klarer drückte sich eine andere Vitrine der „Christlichen Wissenschaft“ aus, ein Plakat darin warb für die „aktive und heilende Macht von Gebet“, daneben lag ein Korb mit Äpfeln. Sie faulten braun vor sich hin.

Berliner Zeitung/Paulus Ponizak
Begegnung auf dem Breitscheidplatz.

Erbaulich schien das alles nicht, und ich sehnte mich nach einer Erfrischung. Vor einem Gasthaus trugen Männer wiederum Vitrinen aus einem Van nach drinnen. „Wir versuchen es mit dem Verkauf von Pfannkuchen auf Märkten“, sagte einer von ihnen. „Die Dezemberhilfen sind ja immer noch nicht da. Weiß nicht, wie wir noch durchhalten. Ohne Außengastro nicht mehr lang.“

Früher, vor Corona, luden auf dem Kudamm Restaurants und Bars aneinandergereiht zum Verweilen ein. Was Tradition hat. Ursprünglich war die Straße ein Damm aus Knüppeln gewesen, ein Reitweg für den Kurfürsten von seinem Stadtschloss zum Jagdschloss Grunewald. Am 5. Mai 1886 mit der Eröffnung der Dampfstraßenbahn zwischen Zoologischem Garten und Halensee offiziell geboren, hatte sich der Kurfürstendamm dann von einer ruhigen Wohnmeile, die 1913 genau 120 Millionäre beherbergte, rasch zu einem Amüsierkiez in den Zwanzigern entwickelt. 

Kein einziges Gespräch, das nicht von Corona handelte

In den vorigen Fünfzigern galt der Kudamm als Schaufenster des Westens, in den Sechzigern demonstrierten auf ihm die Studenten, in den Achtzigern wurde es um ihn stiller und in den Neunzigern noch mehr. Irgendwann besann man sich dann wieder auf den Kudamm; der mauserte sich langsam wieder zu einer Einkaufsmeile. An diesem Mai-Mittwoch bot er mit seiner Breite von 53 Metern reichlich Platz fürs Flanieren, was die Ansteckung mit Viren durch die sich ergebenden Abstände zum Glück erschwerte.

Um es vorwegzunehmen: Keinem einzigen Gespräch lauschte ich, welches nicht von Corona handelte. „Das RKI sagt drei Wochen, der Bund sagt sechs Wochen“, sprach ein Mann unter blauer Melone ins Handy. „Dieser Abholpraxismist“, meinte ein anderer vor einem Kofferladen zur Verkäuferin an der Schwelle. Vor der Schaubühne – sie verlautbarte in großen schwarzen Lettern „Das Rätsel bleibt ungelöst“ – berichtete eine junge Mutter ihrem Freund: „Ich sagte ihr, sie soll mit dem Rauchen aufhören, jetzt, bei dem Brustkrebs.“ Als diese Sie nun geimpft worden sei, sei sie zwei Tage krank gewesen. „Das war gut, da dachte sie nicht ans Rauchen und nicht an den Krebs.“ 

Dann sprach mich jemand an. „Kleingeld gegen Literatur?“ Ich zückte einen Euro und las:  „War erfreut über dieses Briefchen, was ihn wieder in die Alltäglichkeit des Lebens zurücktrieb.“ Ich fragte den hageren Mann mit Dreitagebart, von wem das sei. „Walt Whitman“. Und der Titel? „Kleingeld?“ Ich fand ein 50-Cent-Stück. „Irgendwas mit Gras.“

An einigen Stellen betrieb der Kudamm tatsächlich Facelifting, da wurde an den Fassaden gehämmert. Bei einer folgte ich fünf Anzugträgern durch ein schweres Portal in die Baustelle hinein. „Store beyond Shopping“, hatte draußen ein Plakat angekündigt, und drinnen erklärte mir eine junge Frau in langem Kleid, wie die Zukunft des Kudamms aussehen würde.

„Die Geschäfte machen in der Regel D to C, haben aber keinen Image-Transfer“, sagte sie. „Das ist alles verzweifeltes Brick & Mortar gegen Digital.“ Sie musste es nochmal erklären. In jenem neuen Konzept, das an dieser Stelle entstehe, werde Handel nicht direkten (D) Kontakt zum Kunden (C) finden, sondern in einer Art begehbarem Magazin mit einem „Storytelling“ seine Produkte preisen. Wo dann gekauft werde, sei egal. Hauptsache, das Geld werde gezahlt. Früher hatte der Ort ein Kino beherbergt. Doch diese Zeiten waren schon vor Corona vorbei gewesen.

Gereizte Stimmung am Ende des Boulevards

Das zeigte sich auch an der früheren Filmbühne Wien, vor deren Tempelfront aus Pilastern Absperrbänder wehten und drei stämmige Security-Männer wachten. Ich wähnte dort einen Club oder die Botschaft eines reichen Landes, betrieben doch selbst die Luxusgeschäfte von Cartier, Chanel und Chopard ein paar Schritte davor weniger Aufwand zur Straße hin. Doch wurde eine andere Flagge gehisst. Der „Flagship Store“ eines Computerherstellers vergab bei Geräteproblemen „Genius Bar Termine“. 

Hier, in diesem Teil des Kurfürstendamms, waren die Leute schneller unterwegs als noch unten in Halensee, sie schauten sich auch nicht an. Die Nase weiter oben, mit einem Blick voller Beschäftigtsein, strebten sie ihren Zielen entgegen.

Vielleicht lag es am Wind, der stärker blies. Er pfiff zwischen den neuen Hochhäusern und auf den Frühling. Ein Mann rief besorgt ins Handy: „Deshalb sage ich ja: Ruf bei deinem Arzt an und erklär die Situation. Dann kommst du vielleicht in die dritte.“ Auch die Autos fuhren schneller. Ein SUV nach dem anderen pflückte sich die Polizei heraus zur Kontrolle.

Je näher ich dem Ende des Boulevards kam, desto gereizter war man. „Haste was in den Hosen?“, fragte mich ein Fahrer durchs runtersummende Fenster, als beim Überqueren der Straße die Fußgängerampel auf Rot sprang. Der Wind zerrte nun, während die Sonne hervortrat und mit ihm in einen Wettstreit ging, er riss an der Abdeckung eines Motorrollers. Dessen Alarm ging an. Keinen kümmerte es.

Unbeirrt verharrte auch der Pendelobelisk am Joachimsthaler Platz, die Inschrift am Pfeiler auf der Kugel lud ein: „Wünscht euch was, wenn ihr mich anstoßt.“ Ich warf meinen Körper gegen die Bronze und drückte. Keinen Millimeter bewegte sie sich. Deprimiert setzte ich meinen Weg zur Gedächtniskirche fort, dem Endpunkt des Kurfürstendamm. Dort wartete eine Schlange von elf Leuten auf Erlösung – im alten Turm hatte sich eine Corona-Teststelle eingenistet.

Ich suchte Linderung, mich schmerzte ein Fuß vom Weg und die Schulter vom Obelisken. Setzte mich in den dunklen Gemeindesaal, als einziger Besucher, und starrte auf die Wände aus blauem Glas. Das Ultramarin zwischen den Betongittern verschwamm vor meinen Augen. Ich sah nur noch kleine Punkte. Jesus schwebte mir vom Altar entgegen, sein Messingkörper so groß wie ein Kleinwagen.

Da erst, in dieser plötzlichen Stille, merkte ich, was mir während meiner Wanderung über den Kudamm in den Ohren gelegen hatte: der Autolärm. Tempo, Betrieb und Tamtam hatte ich mir an diesem Geburtstag anders vorgestellt, wenigstens einen kleinen Glückwunsch erwartet, vielleicht. Doch alles schien verschoben auf das Ende dieser verdammten dritten Welle, wenn in wenigen Tagen, ganz bestimmt, die Türen sich wieder öffnen und auf dem Kudamm die Sorge dem Leichten weicht. Alles, was gut war, das kommt zurück.